Die gründliche Renovierung des Stuttgarter Opernhauses, die aus dem veralteten jugendstiligen einen gemäßigt modernen festlichen Zuschauerraum machte, brachte außer einer mit viel schönen Reden gezierten Eröffnungsfeier, die man freilich lieber an ein würdiges Schauspielhaus hätte wenden sollen, eine „Eröffnungswoche“, die mit der von Wieland Wagner inszenierten „Götterdämmerung“ begann und mit Alban Bergs Oper „Wozzeck“ endete.

In den zwanziger Jahren, als man um die Durchsetzung der „Neuen Musik“ kämpfte, konnte es noch eine Streitfrage sein, ob eine Oper mit gesellschaftskritischer Tendenz überhaupt möglich sei, aber Alban Berg selber hatte sich dagegen gewehrt, im Sinne dieser Frage mißverstanden zu werden. Der geistige Gehalt des Büchnerschen Dramas verlangte seine musikalische Erfüllung. Das hieß nicht etwa, eine antibürgerliche Musik schreiben, da die Musik sich solchen Tendenzen entzieht. Sie steht, wenn sie nicht „illustrieren“ oder „ausdrücken“ will, zum Wort im Gegensatz. Man kann von ihrer Wirkung nur urteilen, wenn sie als Oper einen besonders stark aufs Wort gestellten Vorwurf nimmt, ob und wie sehr sie diesem dient, indem sie ihre eigenen Mittel anwendet.

Eine Oper wie „Wozzeck“ kann also grundsätzlich den konventionellen Formen des Musiktheaters nichts Neues hinzufügen, es sei denn, daß der musi kaiische Ausdruck eines so elementaren Protestes, wie ihn Büchners Drama darstellt, die Anwendung

gleichwertiger Mittel verlangt. Wozzecks Leiden können sich nicht melodiös aussingen, können sich“ nicht auf Wagnerische Art musikalisch kundgeben. Alban Berg ging den Weg, daß er – es war ein vortrefflicher Einfall, dies auf dem Theaterzettel deutlich zu machen – die ganze Handlung und jede einzelne Szene mit bestimmten musikalischen Formen der absoluten Musik verband. So weiß auch der Laie, daß dem 1. Akt fünf Charakterstücke in Form einer Suite entsprechend den fünf Szenen zugrunde liegen, dem 2. Akt eine Symphonie in fünf Sätzen usw. Er kann sich daran orientieren, wenn er genau hören will. Doch in Wirklichkeit erfüllt sich ihm doch, was Alban Berg selber als das Gelungene bezeichnete: „Von Anfang bis Ende darf es im Publikum keinen geben, der etwas von diesen diversen Fugen und Inventionen, Suiten- und Sonatensätzen, Variationen und Passagen merkt, keinen, der von etwas anderem erfüllt ist als von der weit über das Einzelschicksal Wozzecks hinausgehenden, Idee dieser Oper.“

Mag es daran liegen, daß man „Wozzeck“ schon in der aufgewühlten Zeit der zwanziger Jahre gehört hat oder an Günther Rennerts ungemein minutiöser Inszenierung; es war nichts über das unmittelbar Geschehene hinaus, was sich dem Zuhörer und Zuschauer ergab, vielmehr vermochte er staunend, vom Wort geleitet, den Sinn dieser strengen und kunstvollen Musik zu erfassen, im einzelnen und in ihrer Einheit. Ein klarer ästhetischer Gesamteindruck, sicherlich das Ergebnis einer Umformung des schon Geformten blieb bestehen. Die tieferen Erschütterungen, die der „Wozzeck“ Büchners erreicht, mußten sich mäßigen, auch, weil hier die Musik die Distanz zur Bühne erweiterte.

In Büchners „Wozzeck“ ist der Darsteller unendlich viel freier als in der Oper. Es machte gerade das von Günther Rennert gebotene Regie-Kunststück aus, daß jeder Darsteller in Bewegung und Gestik, in Rhythmus und Ton aufs genaueste an die Musik gefesselt wurde, das heißt chargieren mußte. In dem Grad, wie es ihm gelang, war seine Leistung – sogar seine anspruchsvolle musikalische – zu bewerten. Der Wozzeck Toni Blankenheim war unübertrefflich und ließ auch die Charge nicht zur Pose werden, eine Gefahr, die bei manchen expressiven Stellen naheliegt.

Von Ferdinand Leitners musikalischer Leitung wäre umgekehrt mit dem gleichen Lob zu sprechen, wie von der Inszenierung. Was schon in der Routinearbeit gemeinsam erarbeitet werden muß, wird bei einem so singulären Werk wie der „Wozzeck“-Oper erst recht aufeinander angewiesen sein. Hier gibt es Entsprechungen zwischen Orchester und Bühne, die sich nicht nur auf Wort und Ton, auf musikalischen und Bewegungsrhythmus, sondern auch auf die Pausen erstrecken. Oskar Jancke