Während die Ölaktien in New York nach Ausbruch der kriegerischen Auseinandersetzungen im Suezgebiet zunächst merkliche Verluste hinnehmen mußten, die aus Ostasien kommenden Rohstoffe und auch Kupfer sich auf den Warenmärkten schnell verteuerten, waren die Reaktionen auf den deutschen Wertpapiermärkten nicht besorgniserregend. Kurseinbußen entstanden bei den Aktien zunächst nur durch Ausländerabgaben. Die Stimmung wurde allerdings durch den Rückschlag in Ungarn gedrückter, so daß am Wochenende auch Teile der inländischen Kundschaft als Abgeber auftraten und angesichts der Käuferzurückhaltung bei ihren Transaktionen Verluste hinzunehmen hatten. Zu keiner Zeit kam es zu überhasteten Dispositionen oder zu Angstverkäufen. Freilich hat die Anlagebereitschaft stark nachgelassen. Diese Haltung ist begreiflich, doch kann angenommen werden, daß sich die Mittel in diesen Tagen nur aufstauen und später dem Kapitalmarkt zugute kommen.

Daß die Ereignisse im arabischen Raum und in Ungarn nicht ganz spurlos an den Nerven der Bevölkerung vorbeigegangen sind, zeigen die steigenden Preise für Goldmünzen. Vor der Enteignung des Suezkanals wurde ein goldenes 20-Mark-Stück mit 44,30 DM bezahlt. Auf dem Höhepunkt der ersten Suezkrise (am 9. 8. 56) war es bis 47,75 DM gestiegen, danach Bei es (am 26. 10.) auf 45,– DM zurück und wird jetzt wieder mit 47,– DM gehandelt. Angesichts der wachsenden Nachfrage ist es zu akuten Verknappungen gekommen, obgleich das eigentliche Weihnachtsgeschäft noch nicht eingesetzt hat. Der internationale Devisenmarkt war durch die Bemühungen der Im- und Exporteure gekennzeichnet, sich vom englischen Pfund zu lösen Zeitweise war kein Devisenhändler mehr bereit, englische Pfunde anzunehmen. Man glaubt zwar nicht, daß der Suezkonflikt von längerer Dauer sein wird (die Weltwarenmärkte zeigen schon deutliche Abschwächungen) aber man ist sich ziemlich sicher, daß das englische Pfund angeschlagen aus der Krise herauskommt. An der Situation des französischen Franken hat sich wenig geändert. In der Bundesrepublik liegt er schon seit Monaten an dem unteren Interventionspunkt. Paradoxerweise löste er sich nach Ausbruch des ägyptischen Konflikts um nicht weniger als 1/2 Promille vom Interventionspunkt nach oben.

Das politische Klima war für den Rentenmarkt naturgemäß denkbar ungünstig. Selbst die wochenlang favorisierten neuen achtprozentigen Anleihen mußten Kursverluste hinnehmen und fielen teilweise unter die 100-Prozent-Grenze zurück. Für den Absatz der neuen Hoesch-Anleihe bestanden keine Schwierigkeiten, wohl aber haben sich die Unterbringungsmöglichkeiten für die 7 1/2prozentigen Länderanleihen erheblich verschlechtert. Am Wochenende war die Hamburger Staatsanleihe immer noch nicht voll untergebracht. Bei der vorangegangenen Bremer Anleihe stehen jederzeit zum Emissionskurs große Beträge zur Verfügung. Für den Absatz neuer Pfandbriefemissionen spielt die Einführung der gleitenden Höchstgrenze bei den Sonderausgaben eine entscheidende Rolle. Die Lösung dieser Frage hat sich erschwert, nachdem sie von der rein sachlichen Ebene in den politischen Bereich geraten ist.

Auf dem Aktienmarkt sind die Kurse nicht mehr weit von ihrem niedrigsten Stand dieses Jahres entfernt. Das gilt besonders für die sogenannten internationalen Papiere, die – wie schon erwähnt – durch Ausländerabgaben unter Druck standen. Betroffen waren vor allem die IG-Farben-Nachfolger, AEG und Siemens. Unter diesen Umständen fanden die Bezugsrechtnotierungen von AEG besondere Aufmerksamkeit. Die Montanpapiere litten unter dem Ausgang der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen, die das Gespenst der Sozialisierung wieder in den Vordergrund geschoben haben. Die ausländische Spekulation hat sich schon seit langem nicht mehr mit diesen Papieren beschäftigt; nun scheinen aber auch den inländischen Anlegern Bedenken gekommen zu sein. Von der Rendite her sind die Montanaktien ohne Zweifel die besten Papiere geworden. Meinungs- oder Abrundungskäufe waren in der vergangenen Woche nicht mehr zu verzeichnen. Zu einer scharfen Rücklaufbewegung kam es erneut bei der Zeche Erin, wo die Kurse nach Aufhören der Ankäufe bis 290 v. H. abfielen.

Nutznießer der Suezkrise waren die Aktien der Dt. Erdöl AG. Allerdings ist der Kursgewinn von 2 bis 3 Punkten innerhalb einer Woche keineswegs sensationell. Er fiel nur auf weil die meisten anderen Werte rückläufig waren. Die Spekulation griff hier zu, da sie annimmt, daß bei Schwierigkeiten in der Erdölversorgung aus dem arabischen Raum die Bedeutung der inländischen Erdölförderung wachsen wird. Aber bei der Deutschen Erdöl AG kam ein weiterer anregender Faktor hinzu, nämlich der Ostbesitz. Die „aufgeweichte“ Situation in den Ostblockländern ließ zeitweilig die Hoffnung aufkommen, daß sich die deutsche Wiedervereinigung jetzt leichter lösen lasse. Seitdem die Sowjets jedoch das Ruder in Ungarn hart herumwarfen, wurden diese Blütenträume wieder zunichte gemacht – und die Spekulation begann sich von den Papieren mit Ostinteressen vorsichtig zu lösen. Gesucht waren im Zuge der kleinen Osthausse Ilse Genüsse (bis 20 1/4 v. H.) und Bubiag (bis 140 v. H.). Auffällig stabil – auch noch nach der Verschärfung in Ungarn – blieben die IG-Farben-Liquis, die zwischen 36 und 36 2/3 v. H. schwankten, am Wochenanfang aber bis 34 absanken. Die Liquis wurden von Schweizer Seite ständig aus dem Markt genommen.

Der Metallarbeiterstreik in Schleswig-Holstein hat bislang keinen Einfluß auf die Kurse der betroffenen Unternehmen ausüben können. In Frage kommen hier Metallhütte Lübeck, deren Aktien sich – bis auf einen kleinen Rest – bei Flick befinden, und Flensburger Schiffbau, wo ebenfalls festgefügte Aktienpakete bestehen. Die Kurse der Bankaktien – bis auf die der Regional- und Spezialinstitute – paßten sich der leicht nachgebenden Allgemeintendenz an. In der Commerzbank-Gruppe ist die Nivellierung jetzt nahezu beendet. Leicht befestigt war die Vereinsbank in Hamburg. Hier setzten Gespräche über die Dividende für 1956 ein, denn traditionsgemäß ist die Vereinsbank das erste Institut des norddeutschen Raums, das am Jahresanfang seine Bilanz vorlegt. Im vergangenen Jahr wurden 10 v. H. plus 2 v. H. Jubiläumsbonus gezahlt. Am Markt für Fahrzeugwerte ist bei BMW der eigentlich schon seit langem erwartete Kursrückschlag eingetreten (130–115), nachdem bestätigt wurde, daß auf Jahre hinaus mit einer Dividende nicht zu rechnen ist. über die Besitz Verhältnisse im AK besteht keine klare Meinung. Flick hat dementieren lassen, daß er sich dort engagiert hat. Krages soll sein Paket (3 Mill. DM?) inzwischen veräußert haben. -ndt