dZ, São Paulo, im November

Die Investitionstätigkeit ausländischer Interessenten in Brasilien hat sich stark belebt, seit die brasilianische Aufsichtsbehörde für das Währungs- und Kreditwesen (Superintendencia da Moeda e do Credito = SUMOC) im Januar 1955 ihre Verordnung 113 erlassen hat, durch die die Einfuhr von Kapital ohne Devisendeckung möglich und die industrielle Investition wesentlich erleichtert wurde. Bevor Deutschlands erster Nachkriegsbotschafter in Brasilien, Dr. Fritz Oellers, nach fünfjähriger Tätigkeit vor einiger Zeit Rio verließ, um in der Türkei seinen neuen diplomatischen Posten anzutreten, wies er vor Mitgliedern der Deutsch-Brasilianischen Handelskammer darauf hin, daß die Bundesrepublik vom 1. Februar 1952 – als die Kapitalausfuhr wieder gestattet war – bis Ende März 1956 rund 220 Mill. $ im Ausland investiert hat und daß davon allein 42 Mill. nach Brasilien gegangen sind. Diese Entwicklung hat sich fortgesetzt: im zweiten Vierteljahr 1956 stand Brasilien mit neun Mill. $ wieder an erster Stelle unter den von Deutschland bevorzugten Investitionsländern (Kanada: 7 Mill. $).

Von brasilianischer Seite aus gesehen, hat Deutschland nach den USA den zweiten Platz als Investitionspartner inne. Es steht vor England, Italien, der Schweiz und Frankreich. Bisher hat bei Auslandsinvestitionen in Brasilien die Grundindustrie das größte Interesse gefunden (45 v. H.), ihr folgt die verarbeitende Industrie, dann das Transport- und Verkehrswesen. Eine Veränderung zeichnet sich hier allerdings insofern ab, als die Amerikaner als die gewichtigsten Investoren sich mehr und mehr der verarbeitenden Industrie zuwenden. Allgemein ist das Interesse jedenfalls weiter groß, denn die SUMOC konnte kürzlich mitteilen, daß in Rio noch Anträge auf Investitionsgenehmigungen in Höhe von 260 Mill. $ vorliegen.

Unter den in Brasilien gegründeten Unternehmen, die von Deutschland her ausgerüstet wurden bzw. noch werden, steht die Companhia Siderurgica Mannesmann S.A. an erster Stelle. Sie hat in ihrem Werk in Belo Horizonte, Minas Gerais, schon 1954 die Produktion nahtloser Stahlrohre aufgenommen. Das Werk wurde bei. einem Kapitaleinsatz von 15,5 Mill. $ (= 160 $ für die Tonne erzeugten Stahls) besonders wirtschaftlich aufgebaut. Inzwischen wurden mehrere Tochtergesellschaften gegründet, darunter die Irrigaçao Mannesmann, die als Lieferant der brasilianischen Landwirtschaft für Bewässerungsanlagen auftritt. Die brasilianische Krupp-Firma hat von der Regierung des Staates São Paulo ein Gelände bei Jundiai zur Verfügung bekommen. Das dort entstehende Werk soll Lokomotiven, Lastkraftwagen und Trolleybusse herstellen und mit einem Kapital von 30 Mill. $ ausgestattet werden. In weiteren, später aufzubauenden Werkgruppen sollen Lanz-Motore, Wasserkraftturbinen, Krane, Zementwerkmaschinen und Bergbau-Aufbereitungsanlagen gebaut werden. Der Zeitpunkt des Anfangs bei Krupp steht allerdings noch nicht fest; die brasilianische Firma hat bisher bei der Bank von Brasilien noch keinen Investitionsantrag gestellt. Im Dezember will auch die Demag in Brasilien aktiv werden. Sie hat vorläufig mit der Companhia Siderurgica Nacional, dem staatlichen Hütten- und Stahlwerk in Volta Redonda, einen Lizenzvertrag geschlossen, nach dem in Volta Redonda Krane und sonstige Ausrüstungen für Brasiliens Häfen nach Demag-Patenten gebaut werden sollen. Die MWM wollen zunächst bei So Paulo ein Zweigwerk mit einem Kapitaleinsatz van zunächst einer Mill. $ bauen. Fertig ist das brasilianische Werk von Bopp & Reuther, Mannheim, das in Campinas, Staat São Paulo, entstanden ist und soeben mit der Armaturenfertigung beginnt.

Auf dem Kraftfahrzeuggebiet steht die Volkswagen do Brasil S.A. an erster Stelle, sie hat bisher 7,2 Mill. $ an Maschinen und sonstiger Ausrüstung aus Deutschland bekommen. Volkswagen und VW-Transporter wurden bisher in gemieteten Räumen in São Paulo montiert; das eigene Werk der Volkswagen do Brasil entsteht an der Autobahn zwischen São Paulo und Santos. Auch die Mercedes Benz do Brasil S.A., die bisher in geringem Umfange Montage von Last- und Personenkraftwagen betrieben hat, ist mit ihrem neuen Werk an die Autobahn São Paulo–Santos gegangen. Ende September wurde dort der erste, ganz in Brasilien hergestellte Dieselmotor in einen Lkw eingebaut. Von den sonstigen deutschen Kraftfahrzeugherstellern arbeitet DKW mit der Paulistaner Firma Vemag zusammen, Büssing mit Lanari in São Paulo, während Borgward nach verschiedenen anderen Versuchen zur Zeit mit der Chazzam-Gruppe zusammengeht.

Auch die IG-Nachfolger sind auf verschiedenen Gebieten in Brasilien aktiv geworden. U. a. konnte vor einiger Zeit endlich die brasilianische Bayer-Firma für 470 Mill. Cruzeiros zurückgekauft werden, nachdem sie von 1942 an unter brasilianischer Zwangsverwaltung gestanden hatte. Die Badische Anilin- & Soda-Fabrik hat an der Autobahn zwischen Rio und São Paulo Gelände erworben und wird in ihrem zukünftigen Werk unter dem Warenzeichen Rongalit Farben herstellen. Wenig glücklich ist offenbar Böhringer & Sohn, Ingelheim, mit der brasilianischen Gründung Diqui Ltda. gewesen, die wieder liquidiert wird.

In Produktion ist in Santo Amaro bei São Paulo die Companhia de Eletricidade, Schorchwerke-Voigt & Haeffner do Brasil, die Sicherungen, elektrische Apparate und Ausrüstungen herstellt. Eine interessante Kombination ist die zwischen der Rosenthal Porzellan A.G., Selb, und der Industriegruppe Renner im südbrasilianischen Staat Rio Grande do Sul, der erst kürzlich die Investitionsmittel für die Einrichtung einer Porzellanfabrik von der brasilianischen Bundesbank genehmigt worden sind. Weitere bemerkenswerte Gründungen sind die der August Oetker Nährmittelfabrik, Bielefeld, der Deutschen Continental-Gas-Gesellschaft, Düsseldorf, und der Robert Bosch G.m.b.H., Stuttgart. In São Paulo entsteht als Ableger der württembergischen Spindelfabrik die Süssen do Brasil. Die bekannte und älteste deutsche Brasilienfirma, Theodor Wille, Hamburg, hat sich an der Asbrasil, Aspersäo do Brasil, beteiligt, die in São Paulo Bewässerungsanlagen für die Landwirtschaft herstellt.