Einige Beobachtungen vom 13. Deutschen Soziologentag in Bad Meinberg

Von Hans Gresmann

Heute noch gibt es Stimmen, die der mittlerweile doch zu zweihundertjährigem Alter herangereiften Soziologie zwar nicht gerade die Daseinsberechtigung, wohl aber das Recht absprechen, sich wissenschaftlich flügge zu nennen. So wenig ersprießlich nun aber oft das Verhältnis zwischen der Soziologie und ihren Nachbarwissenschaften gewesen ist – so wenig hat sich diese Disziplin je über eine mangelnde Resonanz in der Öffentlichkeit zu beklagen gehabt. Doch gerade dieser enge Kontakt zur Öffentlichkeit und der Zuspruch, den sie dort immer fand, ermöglichte es ihren Gegnern, sie mit jenem Signum zu belegen, das ihr bis auf den heutigen Tag anhaftet: dem Signum einer Modewissenschaft.

Ist die Soziologie wirklich eine Modewissenschaft? Ist sie es in dem doppelten Sinn, daß es Mode ist, sich mit ihr zu beschäftigen, und daß sie selbst mit der Mode geht? Das ist eine Frage, der sich diese Disziplin heute zu stellen hat. Genau in ihren Kern stieß denn auch das Referat, das der Hamburger Soziologe Professor Jantke vor seinen mehr als hundert Kollegen hielt, die sich am vergangenen Wochenende zur 13. Tagung der 1909 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Soziologie in dem kleinen lippischen Kurort Bad Meinberg eingefunden hatten.

Zukunft mit humanem Wert?

Während ihrer ganzen Geschichte, so sagte Jantke, habe die Soziologie von ihrer Beziehung zum öffentlichen Bewußtsein gelebt, habe eine prägende Wirkung auch auf die Wandlungen und Umstürze in der gesellschaftlichen Wirklichkeit ausgeübt und sei dabei immer auf ganz bestimmte Zukunftsziele ausgerichtet gewesen. Eine Frage – so meinte Jantke – ist jedoch immer zuletzt gestellt worden: die Frage nach dem Sinn und Wert der in ihren Umrissen von der Soziologie abgesteckten Zukunftswelt. Auch heute noch finden technische Zukunftsphantasien sehr viel offenere Ohren, als die skeptische Frage nach dem humanen Wert dieser Zukunft.

Was Jantke sagte, hieß nichts anderes als dies: Die Soziologie hat sich bis heute ihre Fragestellungen zu sehr diktieren lassen; aus der engen Vertrauten des öffentlichen Bewußtseins ist dessen Magd geworden. Und was er forderte, war dies: Auch die Soziologie möge den Mut zu unpopulären Fragestellungen und zu unpopulären Antworten aufbringen. Sie möge nicht den falschen Glauben stärken, man könne den Menschen zu allem und zu jedem „fit“ machen. Und schließlich solle sie nicht so sehr auf die fatale Fortschrittsbereitschaft einer immer unsicherer werdenden Öffentlichkeit spekulieren; vielmehr solle sie sich auch an das Beständige im Menschen halten. Nach Jantke darf die Fragestellung in der Soziologie nicht lauten: Wie passen wir uns modernen äußeren Strukturen am besten an? Sondern sie muß lauten: Wie manifestiert sich heute das Bleibende, das Beständige, das den Menschen gestern aufrechthielt, das ihn heute aufrechthält und das ihn auch morgen aufrechthalten wird?