Um die Neuinszenierung des „Tannhäuser“ in der Wiener Staatsoper ist ein Skandal entstanden, wie man ihn sich zu Wagners Leb- und Kampfzeiten nicht fulminanter hätte denken können. Zweierlei Mißbehagen standen dabei Pate. Einerseits war man in Wien über die Neuinszenierung Josef Gielens und die Bühnenbilder Gerd Richters wenig erbaut. Andrerseits galt der Groll der Galerie einem Sänger und entlud sich erst in Pfiffen, später in regelrechten Halbstarken-Roheiten.

Was die Inszenierung anlangt, so stellt sie ehe Reverenz vor dem Neobayreuther-Stil dar. Die von Wieland Wagner geübte Tendenz zur Verparsifalisierung des gesamten Wagnerschen Opus bekommt aber gerade den Frühwerken schlecht, in denen noch der frische Theatermusiker Wagner unbekümmert um seine späteren Theorien durchschlägt, kurz, von wo der Weg nach Nibelheim noch ziemlich weit ist. So waren die Wiener ziemlich enttäuscht, als sich der Venusberg als unbehagliches Kellergelaß entpuppte, dessen Wandformation sie unglücklicherweise an das Gebäude der Wiener Postsparkasse gemahnte. Und als es Frühling wurde, eröffnete sich vor ihnen ein Thüringer Wald von ganzen sechs Bäumen. Die Presse war ziemlich einmütig der Meinung, daß den Urhebern dieser dürftigen Tannhäuserbühne „Vergebung nimmermehr erblühn“ könne.

Den Anlaß zu Pfiffen und Tumulten in der Premiere aber gab der Tannhäuser Rudolf Lustigs. Er war, wenn wir gerecht bleiben wollen, weder eine Spitzenleistung noch ein wirklicher Versager; er war ein indisponierter Durchschnitts-Tannhäuser Die Wiener Operngalerie aber, die berühmte „Vierte“, randalierte. Dort oben auf den Stehplätzen ist seit rund 70 Jahren die traditionelle Heimat der musikalischen Jugend, der Sänger und Kapellmeister von morgen. Die Größen der heutigen Staatsoper bekennen sich mitunter stolz dazu, daß auch sie ihre erste Berührung mit dem großen Haus „auf Steh“ genossen hätten. Es ist aber nicht zu bestreiten, daß die Qualität der „Vierten“ neuerdings stark abgesunken ist. Unter die Studenten mischten sich zahlreiche, aber wenig sachkundige Fans, die irgendwelche Sängerlieblinge wild beklatschten, mögen sie nun gerade gut oder schlecht sein. Und an jenem Tannhäuser-Abend scheint eine bestimmte Clique, die schon seinerzeit die Skandale gegen Böhm veranstaltet hat, so etwas wie eine Machtergreifung versucht zu haben. Man versuchte, einen unliebsamen Sänger niederzupfeifen, ja, man erwartete ihn hinterher „am Bühnentürl“, nicht um ihn, wie üblich, zu feiern, sondern um hier das Gejohle fortzusetzen. Der Tenor, von den Aufregungen des Abends bereits völlig gebrochen, wurde in einer Art Halbstarkenmanier regelrecht durch die Operngasse verfolgt, bis Freund; ihn im Schutz seines Wagens den Rowdies entzogen.

Derlei Krawallszenen hatten natürlich mit opernüblichen Mißfallensbezeugungen nichts mehr zu tun. Die Sänger protestierten gegen diesen Sportplatzton durch einen Vorhangstreik: sie wollten sich so lange nicht mehr an der Rampe verbeugen, bis die Operndirektion ihnen Schutz vor solchen tätlichen Attacken zusicherte. Bei der zweiten Tannhäuseraufführung (diesmal sang Max Lorenz) senkte sich nach jedem Aktschluß sofort der „Eiserne“, und die Fans konnten ihre üblichen Ovationen nicht anbringen. Die dichte Menschentraube, die sich nachher am Bühnentürl versammelte, bestand hauptsächlich aus Journalisten und Kriminalbeamten. Aber diesmal gab es keine Menschenjagd, denn die Leitung der Oper hatte inzwischen eindeutig kundgetan, daß sie nun die Hausordnung strenger handhaben und im Notfall die Polizei in Bewegung setzen werde. Einen Tag später war der Vorhangstreik beendet, der Sängerkrieg am Opernring beigelegt.

Doch hatten die Zwischenfälle indessen die grundsätzliche Diskussion darüber entfacht, ob man ein Haus wie die Wiener Oper tatsächlich auf telepathischem Weg leiten könne, wie dies Karajan seit seiner Machtübernahme im September tut. Vor einem Jahr war in Wien das Unbehagen an der Direktion Böhm dadurch entfacht worden, daß nach den glanzvollen Eröffnungswochen der Herr des Hauses in aller Welt herumreiste und das Niveau infolgedessen beträchtlich absank. Nach Böhms Sturz hatte man sich für Karajan entschieden, damit aber einen Super-Böhm gewählt, der zwischen Wien, Berlin, Mailand und den USA ein Musik-Imperium unterhält. In Wien aber erinnert man sich immer noch an Direktoren wie Mahler, oder Schalk die jeden Abend in ihrer Loge saßen und auch einen schwächeren Sänger daran hinderten, ganz so schlecht zu werden, wie er vielleicht wollte. Es geht also wieder um die Alternative Ensembletheater oder Startheater. Die in Operndingen sehr verwöhnten und hellhörigen Wiener verlangen das starke und von einer machtvollen Persönlichkeit geführte Ensemble. Karajan beschwichtigte sie durch die Zusage, daß er sich mit Jahresbeginn völlig seiner neuen Aufgabe widmen wolle. Am Opernring hört man es voll abwartender Skepsis und hofft, daß der unstete Reiseverkehr, die „Karajanserei“, wie man hier sagt, im kommenden Jahr möglicherweise ein Ende – finden werde. Otto F. Beer