Es scheint, als ob selbst sehr gelehrte Kreise in Deutschland der Auffassung seien, man könne das „laissez faire – laissez aller“ auch auf wirtschaftliche Sünden und Fehler ausdehnen, weil schließlich die Notenbank schon dafür sorgen werde, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen ... So wiegt man sich gern in der Sicherheit, der Zentralbankrat könne durch restriktive Maßnahmen verhindern, daß unberechtigte Lohnerhöhungen zu Preiserhöhungen führen. Dies aber ist ein großer Irrtum. Lohnerhöhungen bedeuten währungspolitisch nichts anderes als eine Verlagerung der Kaufkraft auf den Verbrauch. Es werden mehr Konsumgüter nachgefragt, als bisher auf den Markt kamen. Darüber kommt es zu Verknappungen, die bei Vollbeschäftigung in einer freien Marktwirtschaft zwangsläufig Preiserhöhungstendenzen auslösen.

Natürlich können Mehrimporte einige Erleichterungen bringen. Das ist aber nur dann möglich, wenn die nachgefragten Güter und Leistungen im Ausland auch wirklich zu haben sind (was zum Beispiel von besseren Wohnungen, die möglicherweise nachgefragt werden, nicht gilt), und zwar zu entsprechend niedrigen Preisen. Das ist aber heute, da die Inflation im Ausland weit fortgeschritten ist, nur noch eingeschränkt der Fall. Daher finden die durch Lohnerhöhungen ausgelösten Preisauftriebstendenzen im Import erst eine wirksame Bremse, wenn das inländische Preisniveau sich dem des Auslandes angeglichen hat. Ist das aber erst einmal erreicht, dann schlägt die Zahlungsbilanz um, weil das Land mehr verzehrt als produziert. Es bedarf keiner theoretischen Überlegungen, um verständlich zu machen, was das bedeutet. Das Beispiel, das eine Reihe unserer Handelspartner bietet, genügt völlig, um keine Illusionen aufkommen zu lassen. Reicher ist bei einer solchen Politik jedenfalls noch kein Land geworden, und schöner wird das Leben, wenn erst einmal die Währungsreserven verbraucht sind, auch nicht...

Innerwirtschaftlich aber führen Lohnerhöhungen nicht nur zu Preissteigerungen, sondern nicht minder zu Expansionstendenzen. Die auf den Markt treffende Nachfrage muß ja irgendwie befriedigt werden. Das kann recht nützlich sein, wenn die Wirtschaft noch freie Produktionskapazitäten, vor allem auch Arbeitslose, aufweist. Davon aber ist heute keine Rede, und zwar auch dann nicht, wenn hier und dort noch Maschinen und Produktionsanlagen als Folge von Überkapazitäten einzelner Branchen vorhanden sein sollten. Heute, im Stadium einer allgemeinen Vollbeschäftigung, lösen überstarke Lohnerhöhungen einen Zwang zur Rationalisierung aus. Durch leistungsfähigere Maschinen sollen Arbeitskräfte freigesetzt oder, was auf dasselbe herauskommt, höhere Produktionsleistungen erzielt werden. Nur so ist es möglich, die zusätzliche Nachfrage zu befriedigen. Auch das kann vorteilhaft sein, wenn das richtige Maß eingehalten wird. Ist das aber nicht der Fall, dann muß die Nachfrage nach Investitionsmitteln übermäßig steigen: die Folge sind dann exotische Zinssätze, wie wir sie zur Zeit erleben.

Das alles aber vollzieht sich außerhalb des Bereiches, den die Notenbank mit ihren kreditpolitischen Instrumenten erreichen kann. Sie kann nämlich weder der Bevölkerung das Übermaß der ihr zugewachsenen Kaufkraft nehmen, noch vermag sie Investitionskapitalien zu schaffen. Der Zentralbankrat ist vielmehr nur in der Lage, den Geschäftsbanken die Refinanzierungsmöglichkeiten bei der Notenbank zu verteuern oder zu schmälern. Damit mindert die Notenbank bei diesen die Möglichkeit, ihrerseits der Bankenkundschaft, das heißt vor allem den Wirtschaftsunternehmen, kurzfristige (!) Kredite zu gewähren. Expansionstendenzen werden dadurch zweifellos gedämpft, aber nicht aus der Welt gebracht, soweit sie auf Lohnsteigerungen und damit Kaufkrafterhöhungen zurückgehen – es sei denn, daß sich der Zentralbankrat zu deflationistischen Maßnahmen, zu einer Politik der „Schaffung von Arbeitslosigkeit“, entschlösse, um indirekt die Kaufkraft der Bevölkerung wieder auf das rechte Maß zurückzuführen. Das aber wäre eine Politik, zu der sich eine verantwortungsbewußte Notenbank nur dann entschließen könnte, wenn es überhaupt keine andere Möglichkeit mehr gibt, um ein sehr großes Unheil abzuwehren. Eine solche ultima ratio regis aber sollte – darüber kann es keine Meinungsverschiedenheit geben – überhaupt nicht in Erwägung gezogen werden.

Das einzige, was die Notenbank vermag, ist, die Kreditzügel so kurz zu halten, daß zwar noch Arbeitslosigkeit vermieden, die Freude an der Expansion jedoch genügend gedämpft wird, um die Nachfrage nach Investitionsgütern einzuschränken. Schon im Gedankengebäude geht diese Rechnung nicht recht auf; in der Realität aber stoßen sich die Dinge hart im Raum: es kommt Sand ins Getriebe, ohne daß damit Preiserhöhungen vermieden werden. Möglich ist jedoch, derart der Bereitschaft der Arbeitgeber, übertriebene Forderungen der Gewerkschaft zu akzeptieren, Zügel anzulegen. Aber soll man es so weit kommen lassen? Ist es nicht sinnvoller, die Unternehmer setzen sich selbst die Grenzen, als daß sie ihnen von außen her gezogen werden? Respektieren sie nämlich selbst das rechte Maß, dann gestalten sie damit die Verhältnisse auch nach ihren Bedürfnissen. Übernimmt aber die Notenbank diese Funktion, dann wirkt sie damit ganz allgemein, d. h. gegen Gerechte und Ungerechte.

Die Notenbank darf sich nicht zu gezielten Maßnahmen entschließen, weil sie damit die Marktwirtschaft zugunsten einer dirigistischen Kommandowirtschaft verriete. Die Wirtschaft muß deshalb jetzt endlich erkennen, daß ihr mit dem Recht, als Sozialpartner die Löhne frei gestalten zu dürfen, auch die Pflicht zugewachsen ist, die Löhne so festzusetzen, wie es der konjunkturellen Situation entspricht und wie es die Stabilität der Währung erfordert – nicht etwa danach, wie der einzelne Betrieb damit fertig wird. Ohne Einbeziehung gesamtwirtschaftlicher Gesichtspunkte ist eine Lohnpolitik heute nicht mehr möglich; schon nach kurzer Zeit müßte dies auf die Betriebe selbst zurückschlagen.

Mit einer falschen Lohnpolitik werden darüber hinaus der Notenbank als Hüter der Währung Aufgaben zugeschoben, mit denen sie nicht ohne weiteres fertig werden kann. Sie wird damit überfordert, wie dies bei uns in Deutschland jetzt schon der Fall ist. Da sie mit ihren Instrumenten nicht direkt wirken kann, muß sie Umwege einschlagen, um zu ihrem Ziel, nämlich zur unbedingten Sicherung der Währung, zu gelangen. Damit aber wird sie in eine Position gedrängt, in der sie von der Wirtschaft nicht mehr verstanden wird, weil sie mit ihrer Politik nicht mehr fördert, sondern.hemmt. Die Wirtschaft muß sich – nicht minder wie die Gewerkschaften – darüber klarwerden, daß der Kampf gegen die Inflation nicht allein von der Notenbank – auch nicht mehr von der Notenbank und dem Finanzminister gemeinsam – geführt werden kann. Heute sprechen im Kampf gegen die Inflation, im Guten wie im Bösen, die Sozialpartner ein entscheidendes Wort mit. Deshalb ist es notwendig, daß die Wirtschaft wieder das Selbstvertrauen gewinnt, auch einmal „nein“ zu sagen und bei dem „Nein“ zu beharren, wenn das allgemeine Wohl dies notwendig macht. – W. Ringleb