S. L., Berlin

Pankow braucht den Teufel nicht an die Wand zu malen. Die „schwarze Hand der Konterrevolution“, von der in diesen Tagen so viel die Rede ist, wirft ihre Schatten über das Land zwischen Elbe und Oder. Der Sturmwind aus Polen und Budapest hat Bewegung auch in die DDR getragen. Man ist unruhig und nervös, die einen aus Besorgnis, die anderen aus unterdrückter Hoffnung, daß etwas geschehen könne. Um den Schreck zu bannen, versichert die Regierung immer wieder – so wie das Kind im Märchen die Angst im Wald durch Singen übertönt –, daß man nicht erregt sei.

Fortwährend wird die Bevölkerung beschworen, „ruhig und ohne jede Aufregung weiterzuarbeiten“. Niemals und in keinem Punkte, versicherte der Regierungschef vor der Volkskammer, hätten die jetzt in den östlichen Nachbarländern aufgerollten Fragen in der DDR „zu solchen Fehlern, Ausschreitungen und Übergriffen geführt“; was jetzt dort revidiert wird, habe man in der DDR schon vor drei Jahren bereinigt.

Doch die offenbare Nervosität widerlegt die Schlagkraft der Argumente. Unermüdlich reisen, wie nach dem 17. Juni, die Spitzenfunktionäre der SED durch die Lande, versprechen Abhilfe für lokale Mißstände und appellieren „unter dem Trommelfeuer des Gegners“ an die Geschlossenheit der Arbeiterklasse. Parteiorganisationen aus Bezirken und Betrieben versichern das Zentralkomitee telegraphisch ihrer unverbrüchlichen Treue, und überall kehrt die Formel von der ideologischen und politischen Einmütigkeit wieder. Beschwörender als die Arbeiter werden die Studenten angeredet. An mehreren Hochschulen der DDR forderten sie, erfährt man, die Abschaffung des Russisch-Unterrichts, der ebenso wie die Vorlesungen in Marxismus-Leninismus und Politökonomie für jeden Studenten obligatorisch ist, mag er nun Zahnmedizin oder Jura studieren. An der Humboldt-Universität in Ostberlin verlangten die Studenten, die nach Meinung des Berliner SED-Sekretärs „offenbar den festen Boden unter den Füßen verloren haben“, nach ungarischem Muster Zulassung unabhängiger Studentenverbände und Einstellung der vormilitärischen Ausbildung, außerdem die vollständige Veröffentlichung von Gomulkas erster Rede.

Die Regierung reagierte schnell: eine Kommission unter Vorsitz des Volksbildungsministers Fritz Lange arbeitet zur Zeit Vorschläge „zur Verbesserung des Fremdsprachenunterrichts“ aus, und es ist bereits die Rede davon, an den Grundschulen die Teilnahme am russischen Unterricht nicht mehr zu erzwingen und Mittelschulen mit Englisch oder Französisch als zweiter Weltsprache einzuführen.

Doch lauter denn je versichert die Obrigkeit, daß der Platz der DDR an der Seite Moskaus sei und die russischen Truppen auf deutschem Boden dem Bürger „einen großen Dienst erweisen“ und für seinen Frieden unerläßlich sind! Der Sturm aus dem Osten drängt die SED unter Moskaus schützendes Dach. Gleichwohl können Pankows Herrscher nicht umhin, auf das drohende Menetekel an der Wand ihres Satellitenpalastes zu starren.