Von Herbert Eisenreich

Wenn heute einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen; dafür kann er kiloweise Photos herzeigen, auf denen wir all den „Motiven“ begegnen, die erfahrungsgemäß „was hergeben“: von der Skyline New Yorks über die wäscheverhängten Gäßchen Neapels bis zum Eseltreiber am Stil... An allen wichtigen Punkten der Erde hindern diese Amateur-Lichtbildner, indem sie, das Auge im Sucher, dort herumstehen, den sowieso schon reibungsvollen Verkehr, und selbst in Gotteshäusern stören sie die Andacht derer, die Notre Dame noch nicht für ein Photomodell halten. Anstatt sich ein Bild zu machen von der Landschaft und deren Menschen, machen sie Bilder von all dem, was da zu sehen gewesen wäre, wenn sie nur geschaut hätten; sie ersetzen das Auge durch die Linse, die Erinnerung durch das Photoalbum. Aber trotz aller Zelluloidverschwendung bleibt ihre Ausbeute nichtig: denn nicht, was hergezeigt, sondern nur, was erinnert werden kann, ist ein unverlierbarer, ein wirklicher Besitz geworden. Und da das Erzählen ein Mitteilen dessen ist, was man besitzt, hat der moderne Reisende nichts zu erzählen.

Das Reisen wird nicht mehr als eine geistige, sondern bloß als eine mechanische Leistung empfunden (man „macht“ Rom in drei Tagen). Je mehr nun die Touristenströme anschwellen, desto dankbarer sollten wir einem jeden Einzelgänger sein, der eine Reise tut und dann wirklich noch was erzählen kann. Denn solchen Erzählungen eignet heute mehr denn je exemplarischer Wert: sie lassen uns nicht nur an des Erzählers Reiseerlebnis teilnehmen, sondern sie lehren uns gleichzeitig, wie wir selber reisen sollten. Diese doppelte Funktior erfüllt das Buch von

Henry Miller: „Der Koloß von Maroussi. Eine Reise nach Griechenland.“ Deutsch von Carl Bach und Lola Humm-Sernau. Rowohlt Verlag, Hamburg; 227 S., 12,80 DM.

Für Henry Miller, diesen seltsamsten aller seltsamen Amerikaner, ist Griechenland nicht eine konsequent abzugrasende Erlebniswiese, nicht eine strikt zu absolvierende Sternchenpartie; er reist auf gut Glück, so erzählt er denn auch auf gut Glück und bietet dem Leser, (wenn Zola gestattet) „ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament“. Nicht die objektive Welt Griechenlands, sondern die Konfrontation eines Menschen mit dieser Welt bildet den eigentlichen Gegenstand dieses Buches.

Millers vielfach bewährte Darstellungskunst vermittelt uns eindrucksvolle Bilder des Landes mit seinen Menschen und seinen Bauten. Aber indem er uns mittels dieser Darstellungskunst hineinversetzt in das Land, zwingt er uns auch hinein in sein Erlebnis dieses Landes; in ein Erlebnis, das vom Naturerlebnis ebenso weit entfernt ist wie vom Bildungserlebnis. Mit seinen eigenen Worten ausgedrückt: er erstattet diesen Bericht über seine Reise nicht als einen Beitrag zum menschlichen Wissen, sondern als einen Beitrag zur menschlichen Erfahrung.

Griechenland – das ist für Miller „noch immer geheiligter Boden“, das ist „eine Welt, empfangen und geschaffen für die Ewigkeit“. Griechenland – das ist für Miller „das, was jedermann kennt, auch wenn er nie dort gewesen ist, auch wenn er ein Kind oder ein Idiot oder noch ungeboren ist. Griechenland ist so, wie man erwartet, daß die Erde – gäbe man ihr die Möglichkeit dazu – aussehen sollte. Es ist die erhabene Schwelle der Unschuld“. Und von Epidauros im besonderen sagt Miller, dies sei der Ort, wo man „teilnimmt an der Niederlage der Mächte wie Gier, Bosheit, Neid, Selbstsucht, Haß, Unduldsamkeit, Stolz, Anmaßung, Gerissenheit, Zweideutigkeit und so weiter“.