Tanks, Düsenjäger und Kanonen waren die Artwort Moskaus auf den Versuch des ungarischen Volkes, mit einem einzigen, todesverachtenden Ruck die Ketten der sowjetischen und der kommunistischen Knechtschaft zugleich zu sprengen und mit dem Joch Stalins auch das Joch Moskaus abzuschütteln. Panzerketten haben den ungarischen Aufstand niedergewalzt, Granaten und MG-Garben die Kämpfer für Ungarns Freiheit niedergemäht, urd eine Stille des Grauens und des Todes liegt wie ein Leichentuch über blutgetränktem Boden und rauchgeschwärzten Ruinen. Die Freiheit wurde zu Boden geworfen und das rote Banner wieder aufgerichtet, aber es war ein teurer, schwer erkaufter Sieg. Er kostete Moskau den Glorienschein einer unblutigen Wachablösung vom Stalinismus zum Titoismus (wie sie in Polen so überraschend geglückt war), der um so leuchtender gewesen wäre gegen den Hintergrund der von zwei westlichen Regierungen in einem Anfall von Desperation und Verblendung beschlossenen blutigen Suez-Lösung. Moskaus „Sieg“ enthüllte auch als nackte Lüge die Behauptung, die Völker Osteuropas hätten freiwillig den Weg des Kommunismus gewählt und der kommunistischen Lehre gehöre die Zukunft. Die Art, wie dieser Sieg zustande kam, goß neues Öl in die Flammen des Hasses und errichtete neue Drahtverhaue auf dem Weg zum Frieden und zur Vernunft in der Welt. Daher sind wir alle – Menschen des Westens und des Ostens, Kommunisten und Antikommunisten – Verlierer und Leidtragende der Schlacht um Ungarn, einer Schlacht, in der es im Grunde nur Besiegte gibt und keine Sieger. Wenn Janos Kadar, einer der klügsten, aber auch undurchsichtigsten „Nationalkommunisten“ Ungarns, unter der Fahne des Titoismus versuchen sollte, aus den Trümmern zu retten, was überhaupt noch zu retten ist, so ist dieser Versuch von vornherein mit der furchtbaren Hypothek der blutigen sowjetischen Intervention belastet. Wie schwer er selber diese Hypothek empfindet, beweist der Punkt seines Parteiprogramms, in dem er „Verhandlungen mit Moskau über den Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn nach Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung“ verspricht. Man möchte gern in diesem Satz einen Hoffnungsschimmer sehen – aber kann es nach dem Geschehen überhaupt noch eine andere „Ruhe“ geben als die Ruhe des Terrors, und eine andere Ordnung als eine kommunistische, gegen die das ungarische Volk sich empört hat? Und kann es eine andere Einstellung des ungarischen Volkes zu Männern geben, die mit Moskau paktieren, als die eines eisigen, tödlichen Hasses? Wenn, dann würde das ans Wunderbare grenzen. – Und an Wunder können jetzt nur noch wenige von uns glauben.