Von F. O. Miksche

So wie der Chirurg nicht fragt, ob er einen Mörder oder einen Helden unter dem Messer hat, sondern einfach seziert, so analysiert hier der französische Militärwissenschaftler F. O. Miksche die militärische Lage im Nahen Osten (den Krieg und nicht die „Polizeiaktion“) mit wissenschaftlicher Sachlichkeit. Moralische und politische Gesichtspunkte sind dabei außer Betracht geblieben.

Es mag sein, daß England und Frankreich nach mehrmonatigem Zögern jetzt nur deshalb am Suezkanal eingriffen, weil der Augenblick dafür ungewöhnlich günstig schien. Zu Stalins Zeiten hätte das Einschreiten der Alliierten wahrscheinlich einen neuen Weltkrieg ausgelöst. Allerdings gab es wohl auch andere Gründe für das Aufschieben der Operationen seit Juli. Es dauerte nämlich über zwei Monate, bis die zum Einsatz bestimmten Verbände auf der Insel Zypern und Malta bereitgestellt werden konnten. Trotz eines Heeresbudgets von 250 Millionen Pfund besteht die 436 000 Mann zählende Armee Englands aus nur 10 Divisionen, von denen 4 in Deutschland liegen. Ebenso wie Frankreich vor einem Jahr, sah sich auch der britische Generalstab gezwungen, die für die Verteidigung Westeuropas ohnehin schon schwachen Truppen noch weiter zu verringern, ohne allerdings dadurch die notwendige Stärke an Landstreitkräften im Nahen Osten zusammenzubekommen. Ohne das Einschreiten Israels wäre eine militärische Aktion daher kaum vorstellbar gewesen.

Eine der Hauptschwierigkeiten Großbritanniens ist darauf zurückzuführen, daß die Armee weder ein Berufsheer ist noch ausschließlich auf der allgemeinen Wehrpflicht basiert, sondern eine besondere Mischung von beiden Systemen darstellt. Der Grund hierfür liegt darin, daß ein möglicher Einsatz in Europa, nach Ansicht der englischen Militärs, ein auf allgemeiner Wehrpflicht aufgebautes Heerwesen erfordert, während sich für den überseeischen Dienst nur ständig einsatzbereite Verbände, bestehend aus Berufssoldaten, eignen. Von Gibraltar über Malta bis nach Hongkong liegen die britischen Garnisonen verstreut. Nur wenige wissen, daß sich normalerweise 25 000 bis 30 000 Mann ständig wegen der notwendigen Ablösung auf der Reise befinden.

Vor der Suez-Krise befanden sich auf der Insel Zypern 10 Infanteriebataillone, 1 Fallschirmjägerbrigade und 1 Panzerabteilung der Horse Guards. Im Hinblick auf die gespannte Lage in Zypern selbst kann von diesen Verbänden aber in der Kanalzone kaum mehr als die Hälfte eingesetzt werden. Zwischen Juli und August wurden etwa 5 weitere Bataillone sowie 2 Panzerabteilungen und 1 Kommando-Einheit in Zypern gelandet, die seither durch etwa 3 weitere Infanteriebataillon? verstärkt worden sind. Allerdings wurde dies nur dadurch erreicht, daß man das 21. und 50. Feldartillerieregiment sowie das 15. und 43. Flakregiment in Infanteriebataillone umgewandelt hat. Sogar die königliche Palastgarde mußte verringert werden. Die atlantische Organisation, die sich überwiegend auf schwere Waffen stützt, hat sich für einen Feldzug im Mittleren Osten als zu schwerfällig erwiesen. Ebenso wie die Franzosen im Falle der nordafrikanischen Krise mußten sich darum auch die Briten von der Last an schwerem Gerät und komplizierten Hilfsdiensten frei machen.

Waffen aus allen Ländern

Neben den auf Zypern bereitgestellten Verbänden befanden sich in Libyen noch die nicht vollständige 10. Panzerdivision, bestehend aus 2 oder 3 Panzerabteilungen, 1 Feldartillerieregiment und 3 Infanteriebataillone. Dazu kommt 1 Panzerabteilung und 1 Infanteriekompanie, die noch immer in Jordanien liegen. Mit Hinsicht auf die Lage in Nordafrika hat sich der französische Beitrag an Landstreitkräften bisher im wesentlichen auf eine Fallschirmjäger-Brigade beschränkt.