Von Berthold Lammert

Die politische Situation der Welt kann von heute auf morgen – innerhalb eines Tages – in einem Maße grundlegend verändert werden, ohne daß ein Krieg stattfindet, eine Revolution ausbricht oder auch nur ein einziger Politiker eine Rede hält. Als die Amerikaner 1949 feststellten, daß in Rußland eine Atombombenexplosion stattgefunden haben mußte, da war ihr Traum von der beherrschenden Weltmacht zu Ende. Werner Heisenberg hat einmal gesagt: „Im Sommer 1939 hätten noch zwölf Menschen durch gemeinsame Verabredungen den Bau von Atombomben verhindern können.“ Diese zwölf Menschen waren Atomphysiker. Ist also die Welt der Priesterkaste der Atomphysiker ausgeliefert? Stehen die Politiker anonymen Mächten gegenüber, die sie nicht kontrollieren können? Was für Menschen sind das eigentlich, diese Alchimisten, die in ihren Hexenküchen Bomben für den Tod der Menschheit fabrizieren? Diesen Fragen ging ein Mann nach, der die Welt schon einmal aufhorchen ließ, nämlich der Verfasser des Buches „Die Zukunft hat schon begonnen“, ein Titel, der inzwischen zum Schlagwort geworden ist. Der nachdenkliche Leser wird einem Versuch, auf diese Fragen eine gültige Antwort zu geben, sehr viel Kritik entgegenbringen. Einem Nicht-Fachmann sollte es gelungen sein, in diese esoterische Sphäre tatsächlich vorzudringen? Aber diese Bedenken verschwinden, wenn man von den Quellen Kenntnis nimmt, die dem Buch zugrunde liegen, dem neuen Werk von

Robert Jungk: „Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal, der Atomforscher.“ Scherz & Goverts Verlag Stuttgart; 368 S., 16,80 DM.

Jungk hat Akteure in diesem Drama der Menschheitsgeschichte nicht „interviewt“, sondern „gesprochen“, geheime Akten und Korrespondenzen wurden ihm anvertraut. Auf Fragen – Wie kam es zur Atombombe? Welche Versuche wurden gemacht, das „Werk des Teufels“ zu verhindern? Wie stand es mit der deutschen und der russischen Atombombe? Wie war das Verhältnis der Politiker zu den Forschern? – auf solche Fragen, die die Menschheit seit Jahren bewegen, hat Robert Jungk Antworten gegeben, die „nach bestem Wissen und Gewissen“ zur Zeit nicht gründlicher gedacht werden können.

Die Atombombe wurde geschaffen, um die Atombombe zu verhindern! Die Voraussetzung für das Atombombenvorhaben, das „Manhattan-Projekt“, war die Überzeugung, daß Deutschland Atombomben bauen würde. Und man glaubte, daß Hitler vor dem Abwurf zurückschrecken würde, wenn auch seine Gegner im Besitz dieser Waffe wären. Zunächst waren das die Gedanken nur eines einligen Mannes, des ungarischen Physikers Leo Scilard, dem es dann gelang, Einstein zu gewinnen. So kam es zu dem schicksalsschweren Brief Einsteins in Präsident Roosevelt, dessen Verfasser – Leo Scilard war. Die führenden Köpfe des Manhattan-Projekts waren alle Emigranten: Enrico Fermi aus Horn, Hans Bethe aus Deutschland, Edwart Teller und Eugen Wigner aus Ungarn, Nils Bohr nach seiner Flucht aus Kopenhagen. Nur die oberste Leitung der Wissenschaftler lag in den Händen des Amerikaners Robert Oppenheim, der 1927 bei Max Born in Göttingen promoviert hatte.

Die Arbeit an der Atombombe stand unter der Peitsche der Zeit im Wettlauf mit Hitler. Bis zum letzten Moment war der Erfolg des Unternehmens, an dem 150 000 Menschen beteiligt waren, das zwei Milliarden Dollar verschlungen hatte, ungewiß. Und da, nach der Kapitulation Deutschlands, stellt sich heraus, daß Deutschland den Bau von Atombomben überhaupt nicht in Angriff genommen. hatte! Wie sollten die Menschen, die dieses Gigantenwerk in dem Glauben begonnen hatten, den Teufel zu vernichten, damit fertig werden. Ihre – Hoffnung, ihr Werk möge mißlingen, erfüllt sich nicht. Am 16. Juli 1945 zeigt es sich, daß der Mensch das Licht der Sterne erschaffen kann. „Heller als tausend Sonnen!“ leuchtet die erste Atombombe über der Wüste von Alamagordo. Aber als der Mensch sagt: Es werde Licht! da wird er der Todesstrahl und seine größte Finsternis!

Was nun? Sie hatten das Teufelswerk geschaffen. Und sie hätten nun am liebsten ihr Werk zerstört! Aber es gehörte ihnen nicht! Es gehörte den Herren, in deren Dienst sie sich gestellt hatten, es gehörte den Politikern, genauer gesagt, der Armee. Und nun beginnt der Kampf um die Atombombe, das, was man „Den Kreuzzug der Wissenschaft“ genannt hat. Wieder ist Leo Scilard der Aktivste und Hartnäckigste! An dem schönsten Dokument dieses Kampfes, dem „Franck Report “ ist er maßgeblich beteiligt. Sieben Professoren der Universität Chikago unter Führung des Nobelpreisträgers James Franck, des in Hamburg geborenen ehemaligen Göttinger Professors, überreichen dem Kriegsminister Stimson ein Memorandum.