Das ist der „kleine Mann“ der Nachkriegsjahre in den USA: Tom Rath, Mitte dreißig, bescheiden, ängstlich, zurückhaltend und ordentlich wie Zehntausende anderer Angestellter, die morgens zwischen acht und neun a. m. im grauen Flanellanzug ins Büro fahren. Tom Rath lebt ein Durchschnittsleben: verheiratet, zwei Kinder im Schulalter, ein kleines Haus vor der Stadt. Sein Problem ist ein Durchschnittsproblem: er verdient zu wenig Geld, um den notwendigen Lebensstan dard aufrechthalten und seiner Familie die notwendigen Sicherheiten bieten zu können. Um dieses immer aktuelle Problem und seine Lösung geht es in dem Roman:

Sloan Wilson: „Der Mann im grauen Anzug.“ Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg. 356 S., 13,80 DM.

Dieser Roman ist mit dem glänzenden Perfektionismus von Hollywood-Drehbüchern geschrieben; tadellos in Aufbau, Durchführung und psychologischer Fundierung der Charaktere; seine Sprache ist knapp und dicht, geschult durch viele Kurzgeschichten in erstklassigen amerikanischen Zeitschriften. Er ist der Typ des guten Unterhaltungsromans: er lebt vom Traum des modernen Menschen und nimmt seinen Erfolg eben aus dieser Tatsache. Dieser Traum ist: gerettet zu werden vor der Bedrohung der Existenz; verstanden zu werden in einer Welt der menschenfeindlichen Systeme; für sich und seine Lieben einen friedlichen Ort mit Rosen am Gartenzaun aus der allgemeinen Unruhe ausklammern zu können. Tom Rath gelingt der Sprung in eine höher bezahlte Stellung. Er wird persönlicher Berater des Präsidenten einer Rundfunkgesellschaft und hätte an der Seite dieses arbeitsfanatischen big boss eine glänzende berufliche Zukunft vor sich – freilich unter Aufopferung des Privatlebens. Tom jedoch bekennt im Augenblick der Entscheidung dem Präsidenten, daß ihm nicht viel am Ruhm, dafür um so mehr an seinem privaten Leben liegt. Diese gefährliche Wahrhaftigkeit wird auf der Stelle belohnt. Der Boß erweist sich als Mensch und verschafft Tom einen ruhigen und dennoch hochbezahlten Posten. Diese Tatsache und die Haltung seiner Frau, die nach kurzem, aber dramatischem Kampf Toms unehelichen Sohn in Italien akzeptiert, garantieren das glückliche Ende. Denn Glück – das ist die Lehre dieses jungen und begabten Autors – fällt samt Wohlstand und Anerkennung nur dem zu, der allen Versuchungen zum Trotz anständig handelt. Eine Schlußfolgerung, deren Optimismus und Begrenztheit dadurch gemildert sind, daß sich Wilson nicht mit Klischeefiguren und -Situationen begnügte, sondern Menschen schuf, die tatsächlich Repräsentanten unserer Zeit sind. sy