Der ehemalige Oberrabbiner von Berlin, Dr. Leo Baeck, ist am Freitag im 84. Lebensjahre in London verschieden. Mit ihm ist das eigentliche Oberhaupt des deutschen Judentums dahingegangen. Er war derjenige, der vor allem auch für die jüngere Generation über Sinn und Wesen des Judentums Aufschluß gab – in Amerika und in Europa.

Die große Zeit seiner Bewährung hatte der liberale Geistliche und weltbekannte Religionsphilosoph nach 1933 als Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden. Als die Gestapo ihn 1943 aus seiner Wohnung zerren wollte, antwortete er: „Tun Sie dies jetzt, so werde ich mich in den Straßen dem öffentlich widersetzen; kommen Sie jedoch in zwei Stunden zurück, nachdem ich noch manches habe anordnen können, so gehe ich ohne äußeren Widerstand mit Ihnen.“ Heimlich hielt er in Theresienstadt philosophische Vorträge vor vielen Hunderten und vermochte in seiner schlichten klaren Art eine Lebensweisheit zu verkünden, die auch einfache Menschen trösten konnte.

Der Befehl, ihn nach Auschwitz zu transportieren, wurde durch ein bürokratisches Versehen nicht ausgeführt. Als die Russen nach Theresienstadt kamen, wollten sie den befreiten jüdischen Gefangenen zu besonderer Genugtuung verhelfen: Sie lieferten ihnen eine Anzahl Nazis aus, damit sie an ihnen Vergeltung übten. Aber Baecks Einfluß war so stark, daß keinem ein Leid geschah.

Baeck hat sich auch von Anfang an gegen die These der Kollektivschuld gewandt: „Der Kreis’ der Gerechtigkeit schließt sich erst dann, wenn denjenigen Hilfe zuteil wird, die als einzelne anderen geholfen haben.“ Und hiernach handelte der Patriarch von ungewöhnlicher geistiger Lebendigkeit bis zu seinem Ende.

„An seinen Niederlagen stirbt kein Volk, aus seinen Siegen gewinnt kein Land neues Leben“, pflegte er zu sagen; und hiervon wollte er kein. Volk ausgeschlossen wissen. E.M.W.