Paris, im November

Der französische Verteidigungsminister Bourgès-Manoury hat an dem Tag, an dem die britischfranzösische Intervention gegen Ägypten angekündigt wurde, gesagt: „Es ist besser zu handeln als nichts zu tun.“ Dieser Ausspruch ist weitherum als kennzeichnend für den Geist aufgefaßt worden, mit dem Frankreich in dieses Abenteuer eintritt. Es handelt sich um eine Flucht nach vorne.

Frankreich hat seit Anfang des Jahres eine Kette schwerer Niederlagen erleben müssen. Auch die größte französische Armee seit 1939 vermochte bisher in Algerien die Ruhe nicht wiederherzustellen. Die unvorsichtige Suezpolitik hat Frankreichs Prestige insbesondere in Afrika sehr geschadet. Und auf die erste Euphorie über die Entführung Ben Bellas und seiner Kameraden ist der Katzenjammer bereits gefolgt: um einen solchen Streich politisch fruchtbar zu machen, bedürfte es einer stärkeren Machtposition. Kein Wunder, daß in solcher Lage die Vorstellung sich einnisten konnte: nur ein Wunder kann uns noch retten.

Anfang letzter Woche nun schien sich das Wunder wie auf einem Präsentierteller anzubieten. Die beiden Gouvernanten, welche Frankreich und England während der Suezaffäre so barsch zur Ordnung gerufen hatten, schienen gelähmt zu sein: Amerika, durch die bevorstehende Präsidentenwahl, die bekanntlich keine außenpolitischen Störungen ertragen, und Rußland durch den brodelnden Satellitenkessel. Im vorderen Orient aber hatte die stärkste Armee jenes Raumes, Israels Armee, den Vormarsch in Richtung Suezkanal angetreten. War es da nicht verlockend, sich dem israelischen Vorstoß anzuschließen und die günstige Gelegenheit zu einer raschen Abrechnung mit Nasser zu benutzen? Denn ist Nasser einmal als politischer Faktor aus der Welt geschafft, so renken sich für Frankreich alle Probleme ein: in Algerien wie anderswo. Zum mindesten lautet so das Räsonnement, das man mit ermüdender Monotonie serviert bekommt.

In England wehrt sich die Labourparty geschlossen gegen die Intervention in Ägypten. In Frankreich versuchte nur ein einziger unter den verantwortlichen Politikern das wahnwitzige Unternehmen zu verhindern – Mendès-France, der ausrief: „Ich kann mich mit dieser Verrücktheit nicht abfinden!“ Aber er wurde selbst von der Mehrheit •seiner eigenen Partei im Stich gelassen. Nur ein Dutzend Parteifreunde, ein verlorenes Häufchen, verweigerte mit ihm zusammen in der Kammer Ministerpräsident Mollet die Zustimmung zum Ägyptenabenteuer.

Das ist bedenklich für Frankreichs Zukunft. Wenn eine neue Katastrophe die Folge der Intervention ist, so wird das Wasser auf die Mühle jener Extremen sein, die entschieden „nein“ zum Krieg gesagt haben. Nicht nur die Kommunisten nämlich, sondern auch ein Teil der Rechtsextremisten bekämpft den Ägyptenkrieg. Poujade hatte einen guten Riecher für die Volksstimmung, als er die Parole ausgab, es sei nicht Aufgabe der Franzosen, für die Königin von England zu sterben. Der Mythos vom „perfiden Albion“, für das man die Kastanien aus dem Feuer holen müsse, ist in Frankreich, wie Erfahrungen der letzten Tage zeigten, immer noch recht lebendig. Zwar ist eine Minderheit der Poujadisten ihrem Chef im Nein zum Krieg nicht gefolgt. Aber eine Spaltung der Poujadisten stoppt nur den seit einiger Zeit im Gange befindlichen Domestizierungsprozeß dieser beunruhigenden Bewegung, deren radikaler Flügel sich nun um so mehr mit jenen Rechtsextremisten zusammenfinden wird, die gegen den Krieg sind, weil sie nicht „für die Juden“ kämpfen wollen.

Nach Meinung der wenigen französischen Politiker, die einen klaren Kopf behalten haben, wird aber das Ägyptenabenteuer nicht nur in der französischen Innenpolitik schlimme Folgen haben. Wie immer es auch militärisch ausgehen mag – der außenpolitische Scherbenhaufen stimmt sie noch weit bedenklicher. Durch das britisch-französische Vorgehen seien die Beziehungen von Europa als Ganzem zu den sich emanzipierenden farbigen Völkern aufs schlimmste gestört. Und außerdem hätten die mühsamen Versuche der Nachkriegsjahre zum Aufbau übernationaler Institutionen einen ihrer schlimmsten Schläge erhalten.

Aufsehen erregt hat im übrigen die Meinung des sensibelsten außenpolitischen Organs Frankreichs, Le Monde. Das Blatt meint, wenn man die Folgen des anglo-französischen Feldzuges überdenke, sei wesentlicher als alle kriegerischen Handlungen, daß die USA und Sowjetrußland sich im Sicherheitsrat gemeinsam gegen England und Frankreich gerichtet hätten. Wenn Rußland seine Andeutung wahr mache, seine Truppen aus allen Satellitenstaaten zurückzuziehen, so bestehe für eine russisch-amerikanische Verständigung kein wesentliches Hindernis mehr. Der Weg sei dann frei für eine globale Interessenabgrenzung der beiden Weltmächte, denen der Wunsch einer Vermeidung kriegerischer Verwicklungen für die nächste Zukunft gemeinsam sei. Nach Meinung des Monde beschleunigen also die Zauberlehrlinge in Paris und London die Entstehung jener Pax Russo-Americana, welche einige Kassandras seit längerer Zeit mit Beharrlichkeit prophezeiten. Armin Mohler