Ganz im Gegensatz zu früheren Publikationen klingt der jüngste Bericht der Pankower Regierung über die Erfüllung des Volkswirtschaftsplanes in den Monaten Juli bis September keineswegs optimistisch. Gibt er doch unumwunden zu, daß die Planziele bei Elektroenergie, Rohbraunkohle, Roheisen, Walzwerkmaschinen, Personenkraftwagen und Geweben nicht erreicht wurden. Abschließend heißt es sogar in aller Nüchternheit: „Die Erfüllung des Volkswirtschaftsplanes 1956 war im dritten Quartal nicht befriedigend. So müssen im vierten Quartal große Anstrengungen unternommen werden, um noch einen Teil der Planrückstände zu beseitigen, um den Volkswirtschaftsplan 1956 in seinen wichtigsten Teilen zu erfüllen.“

Vor diesem nüchternen Hintergrund nimmt sich der Zweckoptimismus bezüglich des Interzonenhandels um so widerspruchsvoller aus. Tatsächlich haben die im Auftrage Pankows handelnden Statistiker gezeigt, wie man selbst mit zutreffenden absoluten Zahlen, zu denen man sich neuerdings nach Moskauer Vorbild hat entschließen müssen, ein irreales Bild zeichnen kann. Zufällig hatte nämlich wenige Tage zuvor der Leiter der Treuhandstelle für den Interzonenhandel in Westberlin, Dr. Leopold, öffentlich das gleiche Thema behandelt. Die von ihm genannten Vergleichszahlen umfassen allerdings die ersten neun Monate beider Jahre. Dr. Leopold bestritt nicht das höhere Austauschvolumen, das um etwa 27 v. H. auf insgesamt 886 Mill. Verrechnungseinheiten (VE) gestiegen sei. Insofern stimmen die östlichen und westlichen Angaben im wesentlichen überein. Aber Dr. Leopold, der während seiner langjährigen Tätigkeit auf diesem Gebiet schon manchen Partnerwechsel auf der anderen Seite erlebt hat, mußte gleichzeitig darauf hinweisen, daß Pankow zwar erfahrungsgemäß im letzten Quartal eines jeden Jahres, wenn das Damoklesschwert der Planerfüllung unverkennbar über ihm schwebt, seine Lieferungen erhöht, selbst im günstigsten Fall aber in diesem Jahr einen Gesamtumsatz von 1,4 Mrd. VE nicht überbieten kann. Da sich aber schon in dritten Quartal d. J. das Liefertempo des Ostens gegenüber früheren Jahren merklich verlangsamt hat, liegt die für das ablaufende Jahr vereinbare Summe von 2 Mrd. VE in illusorischer Ferne.

Die Schwächen der Planwirtschaft sowjetischen Stils, die sich Jahr für Jahr offenbart haben, wenden verständlicherweise durch die gegenwärtigen politischen Erschütterungen nicht gerade gemildert. Der Rückgang und schließlich gänzliche Ausfall der polnischen Steinkohlenlieferungen haben Pankows Paradestück an der Oder-Grenze, das Eisenhüttenkombinat bei Stalinstadt, fast außer Funktion gesetzt und damit der gesamten Schwerindustrie einen noch nicht übersehbaren Rückschlag gebracht. Wenn auch die wirtschaftliche Verflechtung der Zore mit Ungarn weniger eng war, so war sie doch keneswegs belanglos. Und ob die übrigen Ostblockstaaten unter den gegenwärtigen Umständen beret sind, ihre Handelsvereinbarungen mit dem ursicheren Partner Pankow einzuhalten, ist mindestens sehr fraglich. Kürzlich hat das SED-Organ „Neue Deutschland“ bereits bitter beklagt, daß „sogar sozialistische Staaten“ ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen sind.

Obwohl die entscheidenden Außenhandelsrückstände der Volksdemokratien erst jüngeren Datums sind, hat die Sowjetzone im Interzonenhandel von den vereinbarten landwirtschaftlichen Erzeugnissen im Werte von 85 Mill. VE in den ersten neun Monaten nur für knapp 28 Mill. VE geliefert. Sogar von den geplanten Zuckerlieferungen, die insgesamt 50 Mill. VE betragen sollen, sind bisher nur 8,3 Mill. VE realisiert. Bei Braunkohlen steht den Soll von 170 Mill. VE bisher ein Ist von nur 112 Mill. VE gegenüber, und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die Differenz noch wächst. Da man in Pankow nicht ernstlich glauben kann, daß die Bundesrepublik bei derartigen Rückständen ihre Vorleistungen endlos fortsetzt, bleibt unerfindlich, woher der Mut kommt, die Erreichung der Zwei-Milliarden-Grenze für realisierbar zu halten.

Wir haben im Westen keinen Grund zur Schadenfreude über diese Entwicklung. Denn abgesehen. davon, daß die Bevölkerung der Zone wenigstens mittelbar zu neuen Verzichten gezwungen wird ist damit auch das wichtigste Verbindungsglied zwischen beiden Teilen Deutschlands in seiner Wirksamkeit beeinträchtigt, das bisher noch aller politischen Belastungen standgehalten hatte. Solange aber die jetzigen Machthaber nicht imstande sind, die von ihnen selbst als lebensnotwendig anerkannten Vereinbarungen einzuhalten, können sie vom Westen keine Prämien oder Geschenke erwarten. Auch dann nicht, wenn sie sich mit ihrer eigenen Statistik Mut zusprechen. gns.