Sollte sich ein politischer Schriftsteller der Mühe unterziehen, eine neue Biographie Dwight D. Eisenhowerszu schreiben, so könnten wir ihm einen Titel anbieten: Die Ohnmacht der Macht. Das düstere Finale der ersten Präsidentschaft des braven Generals war weiß Gott eine erschreckende Demonstration der Hilflosigkeit und Bewegungsunfähigkeit des Mannes, der über die Mittel gebietet, diese Erde in einen rauchenden Stern zu verwandeln. Des Mannes, der über den Krieg gebietet, aber nicht über den Frieden, der Gefangener und Opfer einer Verantwortung ist, die alle Grenzen der menschlichen Zuständigkeit zu überschreiten scheint. Ein hellsichtiger Freund Ikes fragte nach der triumphalen Wahl im Herbst 1952: Für welche Sünde hat dieser arme Mensch zu büßen, das man ihn zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gemacht hat?

Die vier Jahre der ersten Amtsperiode ließen den strahlenden Sieger, den lächelnden Kreuzritter mit dem beklemmend guten Gewissen zu einem alten Mann werden, über dessen Weisheit ein Schatten der Resignation, über dessen Entschlossenheit der fahle Widerschein des Zweifels liegt. Der Feldherr wurde am großen Schreibtisch des Weißen Hauses zum cunctator. Er schüttelt nur unwillig die breiten Schultern, wenn seine Tatenlosigkeit gerügt wird. Die Einpeitscher der republikanischen Parteiorganisation vermochten es ein zweites Mal nicht, ihn zu Paraden des dröhnenden Optimismus aufmarschieren zu lassen. Er bewährte und verteidigte seine harte vertrauenswürdige Bedächtigkeit, und gerade damit entsprach er sehr genau dem Vaterideal, das ihm nach Auskunft der amerikanischen Massenpsychologen die Herzen und die Stimmen der Frauen und der Kleinbürger zuträgt.

Tatsächlich konnte ihm niemand vorwerfen, er habe auch nur den geringsten Versuch unternommen, den amerikanischen Staat wie eine Kadettenanstalt zu führen. Er gab sich eher wie der Bürgermeister einer großen Landgemeinde, als Hüter eines Familienidylls, aus dem die Dämonen jederzeit verscheucht werden konnten, wenn nur jedermann guten Willens war. Man sagt ihm nicht nach, daß er ein Intellektueller sei. Aber als er sich nach der Herzattacke vom Krankenlager erhob, bekannte er von sich selbst, er sei ein Mann, der sich seine Gedanken gemacht habe. Wir möchten vermuten, ernste Gedanken über die Freiheit des Willens und über die Kraft des guten Willens vor allem.

Er hat es seinem Volk versprochen, ein Präsident des Friedens zu sein. Aber das Ende seiner Amtszeit brachte Kriege, die er nicht zu verhindern vermochte. Er begann damit, die Weltpolitik mit einer Strategie der Herzlichkeit zu verändern. Und er erlebte schließlich, daß die Menschheit gegen eine neue Welle der Angst kämpft. Er ist, mit einem Wort, gescheitert. Er weiß es selbst, wenn wir uns nicht irren. Die amerikanische Furcht, die sich immer tiefer in die Seele des Kontinents frißt – die Furcht, man könne den bedrückenden Aufgaben eines Wächters über die zerrissene Erde nicht gewachsen sein, sie hat auch ihn nicht geschont, der glaubhafter als jeder Konkurrent die strahlende und vermeintlich unverwüstliche Zuversicht dieses Volkes verkörperte.

Eisenhower löste seit der Liquidation des koreanischen und des indonesischen Konflikts keines der entscheidenden Weltprobleme. Die Sonne des Lächelns von Genf ließ die vereisten Blöcke in Ost und West schließlich schmelzen, aber um so bedrohlicher krachen die losgesprengten Schollen gegeneinander. Die Weltpolitik kam in Bewegung, aber wer beherrscht die unberechenbaren Strömungen? Alte Fronten zerfielen, Eisenhower, der aufgebrochen war, um Eintracht in der zweigeteilten Welt zu stiften, steht vor neuen Erdrisstn, die beiden wichtigsten Partner seiner Allianz haben ihren Beschützer hintergangen.

Eisenhower, der den unterjochten Völkern des Ostens auf Zureden seines Außenministers die Freiheit versprach, muß in seinem eigenen Zeugnis notieren, daß er ein kleines, tapferes Volk in seinem Kampf um die eben und aus eigener Kraft erworbene Freiheit im Stich lassen mußte. Man klagte ihn an, beide Krisen seien eine Konsequenz seiner Unfähigkeit, die drängendsten Aufgaben mit Entschlossenheit zu lösen. Stets hinderte ihn die Verantwortung, sich zu entschließen: die unermeßliche Macht seiner Nation hielt ihn davon ab, das Machtwort zu sprechen. Verfügte er über die Formulierungskunst Adlai Stevensons, dann hätte er es längst ausgesprochen, daß die Macht angefangen hat, sich selbst zu entwerten.

Er wird sich kaum noch einmal anschicken, Gordische Knoten mit einem Zweig der Friedenspalme durchhauen zu wollen. Ohne dies erkennt eine erstaunliche Zahl seiner Landsleute in ihm heute schon nicht mehr den Friedenspräsidenten, sondern einen demobilisierten oder gar immobilen General, der sich in die Politik verirrt hat. Er darf nicht mehr länger zögern, aus der Tarnkappe seines eigenen Mythos zu schlüpfen und sich der Welt so zu geben, wie ihn der Chronist des Weißen Hauses, Robert J. Donovan, in seiner Eisenhower-insidestory geschildert hat: als den Verteidiger einiger unbeugsamer Prinzipien, als einen Mann der klaren Anordnungen, einen Chef, der zwischen Versöhnlichkeit und Schwäche, Elastizität und Schlappheit wohl zu unterscheiden weiß. Man erwartet nicht, daß er es seinen innen- und außenpolitischen Gegnern nach Trumans Manier „einmal zeigen“ wird. Man erwartet nur, daß er sich zeigt.

In einem der letzten Hefte der brillanten Zeitschrift The New-Yorker legte einer der Karikaturisten auf die Couch des Psychotherapeuten ein bemitleidenswertes Männchen mit der I like Ike-Plakette am Revers: „Ich habe seit einiger Zeit das dumme Gefühl, daß er mich nicht mag“, bekannte der Arme. Drückte dieser Scherz das Gefühl der neuen Eisenhowerwähler aus, so wäre der Präsident zu beglückwünschen. Bis heute repräsentierte er jenes Amerika, das in aller Welt um jeden Preis Liebe üben und geliebt werden wollte. Es ist längst nachgewiesen, wieviel Haß es damit geerntet hat. Eine Weltmacht muß herrschen können. Der Führer eines Weltreiches muß den Mut zur Macht gelernt haben und auch das Fürchten. A. P.