„O welche rasche blutge Tat war dies“

Shakespeare, Hamlet, III

Selten haben so wenige Tage so viele Hoffnungen so gründlich zerstört! Die Europa-Hoffnung hat durch den Entschluß Englands und Frankreichs, alle Warnungen in den Wind zu schlagen und den Gordischen Knoten am Suezkanal nun doch mit dem Schwertzu zerhauen, einen bösen, vielleicht tödlichen Stoß bekommen. Denn was ist das für ein Europa, dessen Führungsmächte offen einem Beschluß der UNO trotzen und von einer breiten Weltmeinung des Verbrechens gegen den Frieden beschuldigt werden? Quer durch Europa, quer durch den Freien Westen, ja quer durch die beiden betroffenen Nationen selbst geht der Riß der Meinungen. Aber was wäre ein Europa ohne diese beiden Mächte?

Da ist die NATO, jene gegen Aggressionen gegründete Organisation, die nun in ihrer Mitte zwei Mächte hat, die selbst in einem Krieg, der nicht ihrer Verteidigung dient, zu den Waffen griffen. Da ist die abendländische Idee, da ist die Gemeinschaft der freien Völker, die sich feierlich verpflichtet haben, auf die Anwendung von Gewalt zur Lösung internationaler Konflikte zu verzichten. Das alles liegt nun in Scherben!

Hat es überhaupt noch Sinn, die Scherben wieder zusammenzutragen? Wo soll man da anfangen und wo aufhören? Und wie soll man sichin dem Scherbenhaufen bewegen, ohne zu zerbrechen, was vielleicht noch heil ist?

Jeder Deutsche denkt wohl bei den Scherben zunächst an das westliche Bündnis, an das Verhältnis zu England und Frankreich. Zu bestreiten, daß unsere Alliierten uns tief enttäuscht haben, wäre eine glatte Unwahrheit. Und eine – sei es auch nur stillschweigende – Billigung der Gewaltakte gegen Ägypten würfe ein eigentümliches Licht auf unsere Beteuerungen, daß wir unsere eigenen nationalen Ziele – auch solche, die uns mehr am Herzen liegen, als den Engländern und Franzosen Ägypten am Herzen liegen kann, nur mit friedlichen Mitteln erreichen wollen. Niemand leugnet die englischen und französischen Interessen am Suezkanal. Aber alles, was in den letzten Monaten über die Notwendigkeit, die Schiffahrt im Kanal zu schützen, gesagt wurde, klingt jetzt, nachdem dieser infolge von Bombenangriffen der beiden „Schutzmächte“ blockiert ist, wie nackter Hohn.

Es war, wie Englands Oppositionsführer Gaitskell sagte, Englands „schwärzeste Stunde“, in der Eden den Entschluß zum Angriff gegen Ägypten faßte, und man kann England und den Engländern zuliebe nur hoffen, daß Staatssekretär Nuttings mutige Revolte gegen Eden und die Proteste aus allen Schichten des englischen Volkes auf die Regierungspartei Eindruck machen werden. In diesem Fall besteht die Möglichkeit, daß ein Premierminister, der nicht Eden heißt, England zu seinem besseren Selbst und zu einer besseren Politik zurückführt. Und auch Frankreich – das mag allen aufrichtigen Bewunderern und Freunden dieses Landes ein Trost sein – ist nicht identisch mit seiner derzeitigen Regierung. Auch dort gibt es sicherlich Wege zurück aus der jetzigen Verblendung ...