Der ungarische Aufstand hatte gesiegt. Fünfzehntausend Tote, die meisten unter zwanzig Jahren. Dann, mit Heimtücke und überwältigender Macht, wurde er niedergeschlagen.

Unter strahlendem Himmel fuhr ich am Allerheiligen, dem Jubeltag der Revolution, die zum See sich weitende Donau entlang hinab in das zerstörte Budapest. (Wie mag die Stadt heute nach der neuen Schlacht, der dritten seit 1945, aussehen!) Zu beiden Seiten des Stromes, auf der Burg und in die Tiefe und Weite der Stadt erhellte sich, als es Abend wurde, Fenster an Fenster mit Kerzen, die zum Gedenken der Toten hinter den Scheiben aufflackerten. Vor dem Palais Kardinal Mindzentys wacht ein Panzer.

Als durch die sinkende Nacht die Freiheitstruppen, Panzer hinter Panzer, jeder die rot-weißgrüne Fahne am Turm, über die Brücke rollten, wußte die feiernde Menge noch nicht, daß von Stund an die Stellungen für den zweiten, den Untergang bringenden Kampf gegen die konzentrisch in das Land vordringenden Sowjetverbände bezogen wurden. Vierundzwanzig Stunden später, als ich von Wien neuerdings in das kämpfende Land gelangen wollte, endete dieser Versuch in winterlichem Schneegestöber vor der Breitseite eines russischen Panzers, der, das Rohr gegen Westen geschwenkt, die Straße nach Raab blockierte.

Ungarn war abgeschnitten in eiserner Umklammerung. Der übermächtige Gegner, zunächst überwältigt von dem Aufstand aller Kräfte, die er selbst geformt hatte: Kinder, Studenten, Arbeiter und Armee, besann sich eines anderen, die Vernichtung wurde beschlossen.

Als ich am Allerheiligen ins Innere des Landes fuhr, zeichnete sich der Übergang der Revolution aus ihrer ersten Phase, derjenigen des unvorbereiteten, führerlosen Aufstandes, in die der Festigung und Machtbildung ab. Revolutionsräte der Arbeiter, Studenten, Soldaten mit grün-weiß-roten Armbinden, bewaffnete Posten in Zivil. An der Grenze führte ein Student den Befehl über Zollbeamte und Gendarmerie. Im Rathaus von Raab, der Arbeiterstadt des Westens mit ihren Waggon- und Panzerwerken, tagt der „Nationalrat“, der sich während der Kampfwoche in Budapest als Nationalversammlung der Städte und Komitate ganz Ungarns konstituiert hatte. Immer, wenn die Fahrt durch Arbeiterstädte und -viertel geht, wie weiter donauabwärts im Kohlenrevier von Tata Banya, wird das Revolutionäre eindringlicher, nimmt die Zahl der armierten Zivilisten zu, wehen die Fahnen von den Fabrikschloten und an den ärmlichsten Häusern.

Rot-Weiß-Grün! Das Rot hat seinen Sinn, die jahrhundertealte Faszination verloren. Wo es in Gestalt des Sowjetsterns, gleich einer Spinne, in der Mitte von Kokarden und Fahnen gesessen hatte, klafft ein Loch. Wohl spricht aus den Nationalfarben der Kampf gegen die Fremdherrschaft. Dennoch bedeuten sie, zum Banner, zumal der Arbeiter geworden, noch etwas anderes. Sie proklamieren das Ende des Weltbürgerkrieges. „Rot“ hat sein Recht ebenso verloren wie „Weiß“.

Niemand hat geplündert. Als einer es versuchte und aus der fensterlosen, zertrümmerten Auslage eines Kleiderladens einen Stoffballen aufs Bajonett spießte, wurde er von den eigenen Kameraden wegen Plünderung erschossen. „Wir wollen unsere Revolution heilig halten.“ Die Bauern kommen mit Pferdewagen, Traktoren, und sie kommen auf Fahrrädern oder zu Fuß, um das darbende Budapest mit Feldfrüchten, Brot, Eiern zu versorgen. Mehr noch, sie verschenken, was sie geerntet haben. Arme Klein- und Kolchosbauern.