Als vor acht Jahren Berlin zum ersten Male Bekanntschaft mit Jean Paul Sartre machte – mit seinen „Fliegen“, war dies ein Ereignis, das die ganze Stadt bewegte. West- und Ostpresse lagen sich damals tagelang in heftigem Pro und Kontra in den Haaren. Als vor vier Jahren das vielleicht bedeutendste Werk des Autors, „Der Teufel und der liebe Gott“, im Schillertheater über die Bühne ging, beschäftigte diese beispielhafte Aufführung nur noch die intellektuellen Kreise Westberlins. Als am vergangenen Sonnabend Sartres letztes Stück, „Nekrassow“, seine Premiere in der Ostberliner Volksbühne erlebte, nahm daran lediglich die Ostpresse und die östliche Kulturprominenz Anteil. So ändern sich die Zeiten.

Das Interesse des Ostens am „Nekrassow“ ist verständlich. Lange vor dieser deutschen Erstaufführung hatten Prag und Moskau der umstrittenen Pariser Uraufführung eigene Inszenierungen folgen lassen. Böse Zungen behaupteten, Sartre habe sich damit von seinen „Schmutzigen Händen“ reinwaschen wollen. Worum geht es?

Er beginnt in einem Godot-Milieu. Zwei clochards fischen den lebensmüden Hochstapler de Valéra aus der Seine. Auf der Flucht vor der Polizei gerät er in das Haus des Redakteurs Sibilot vom „Soir à Paris“. Der sucht gerade verzweifelt nach einer Idee, die sein Chef als Wahlschlager gegen die Kommunisten von ihm verlangt. Valera liefert sie ihm, indem er sich erbietet, die Rolle des angeblich geflohenen sowjetischen Innenministers Nekrassow zu spielen. In der Zeitung nimmt man ihn mit offenen Armen auf, um so mehr, als er als besonderen Knüller eine geheime Liste bringt, die die Namen der bei einem Einmarsch der Roten Armee zu erschießenden französischen Politiker enthält. Nur der Präsident des Verwaltungsrates hält ihn für einen Schwindler – weil er nach Nekrassows Angaben nicht zu den Todeskandidaten gehört Die aber haben für den „schlechten Patrioten“ nur noch Verachtung übrig. Sie gründen einen „Club der Erschossenen von morgen“ und reichen de Valera-Nekrassow in ihren Salons herum, während die Presse tagelang von den „Enthüllungen“ des „prominenten Emigranten“ lebt. Dessen Ruhm dauert aber nicht lange. Die Staatspolizei hat den Hochstapler durchschaut, möchte ihn jedoch als Zeigen gegen mißliebige kommunistische Journalisten benutzen, die er als Geldempfänger Moskaus denunzieren soll. Valera will aber nicht bloßes Werkzeug sein, er erzählt Sibilots Tochter, einer Linksjournalistin, von dem Plan und flieht vor der Polizei, die ihn unter Bewachung von der Außenwelt zu isolieren beabsichtigt. Dem „Soir à Paris“ droht eine Riesenblamage. Der rehabilitierte Präsident des Verwaltungsrates läßt den Chefredakteur als Sündenbock absetzen, dessen Nachfolger Sibilot aber muß eine neue „Enthüllung“ bringen. Nach dem Verschwinden Nekrassows habe man unter dessen Papieren eine weitere Liste zu liquidierender Persönlichkeiten gefunden, in der des Präsidenten Name an der Spitze steht ...

Eine treffende Satire gegen eine gewisse Sensationspresse also, wenn auch der äußere thematische Vorwurf als Kalte-Kriegs-Reminiszenz im Zeitalter der Koexistenz schon etwas überholt erscheint. Der Autor nannte sein Stück selbst eine „Schwenk-Satire“. Intendant Fritz Wisten verlagerte als Regisseur den Akzent auf das Possenhafte, was dem Stück wenig dienlich war. So wurde daraus fast eine manchmal in reinen Klamauk abgleitende langgezogene Kabarettnummer. Nur die Marquis von Keith-Rolle des Valera hat die Anlage zu einer echten Sartre-Figur, aber zu sehr führte dem Dichter hier der Dubreuilh-Sartre aus Simone de Beauvoirs „Mandarins von Paris“ die Feder, als daß diese Gestalt sich innerhalb der politischen Gesamtkonzeption – die hier, anders als noch in der „Ehrbaren Dirne“, dem Autor das Primäre war – hätte weiterentwickeln können. Von der stark beklatschten Aufführung, die im Beisein Präsident Piecks stattfand, bleiben neben verschiedenen guten komödiantischen Leistungen die eigenwilligen reizvollen Bühnenbilder Roman Weyls hervorzuheben.

Daß man gewillt ist, dem formalen Experiment im östlichen Theater wieder Raum zu geben, davon konnten wir uns auch im 3. Stock des Hauses der Volksbühne überzeugen. Hier hat sich eine kleine Studiobühne aufgetan, wo man vor allem zeitgenössische Stücke zur Diskussion stellen will. Neuartig und ungewohnt schön die Ausstellung, zum Teil abstrakter Gemälde mitteldeutscher Künstler im Treppenhaus. Das erste Programm zeigte zwei Einakter. Johannes Wüstens „Bessie Bosch“ ist ein nächtlicher Dialog zwischen einem illegal arbeitenden Kommunisten und einer Genossin, deren Lebensgefährte am Morgen hingerichtet wird. Bei allem Respekt vor dem 1943 im nazistischen Zuchthaus umgekommenen Autor und der aus seinem Drama sprechenden ehrlichen Gesinnung – sein Stück ist, trotz mancher anrührenden menschlichen Töne, kaum mehr als, Verzeihung, kommunistische Erbauungsdramatik.

Lohnender war die Begegnung mit Günther Rückers „Harlekin und Kolombine“. Der junge Ostberliner Hörspiel- und Filmautor glossiert Her in einem lockeren geistvollen Verwechslungsspiel im Stile der commedia dell’arte die „Versachlichung“ der Liebesbeziehungen zwischen FDJ-Studenten. Die alle hundert Jahre für eine Stunde zum Leben erwachenden Porzellanfiguren Harlekin und Kolombine verhelfen aber dem über ideologischen Phrasen fast seine Gefühle vergessenden jungen Paar doch zum Glück, womit schließlich bewiesen wird, daß die Liebe trotz allen „Fortschritts“ doch dieselbe geblieben ist. Das vorwiegend jugendliche Publikum amüsierte sich köstlich über das vertraute Milieu und spendete begeistert Beifall. Es ist noch gar nicht so lange her, da wire so etwas in einem Ostberliner Theater unmöglich gewesen. Man sieht auch daran: die Zeit bleibt nicht stehen. Peter Morten