Vor einigen Tagen erklärte Aimé Césaire, der größte Negerdichter und seit dem Tode Eluards und Brechts neben Pablo Neruda und Rafael Alberti auch der international bedeutendste Lyriker, auf den sich der Weltkommunismus berufen konnte, seinen Austritt aus der kommunistischen Partei Frankreichs. Er war nicht nur ein gewöhnliches Mitglied, wie sein Freund Picasso, der einen seiner schönsten Gedichtbände „Corps Perdu“ illustrierte. Nach seiner Promotion an der von dem Philosophen und Hegelübersetzer Jean Hyppolite geleiteten Hochschule „Normale Superieure“, wurde der knapp dreißigjährige Literaturdozent Césaire zum Bürgermeister von Fort-de-France, der Hauptstadt von Martinique, gewählt. Seit der Befreiung Frankreichs vertritt er auch seine Heimatinsel in der französischen Nationalversammlung. Von 1945 bis heute gehörte er ohne Unterbrechung dem Pariser Parlament als kommunistischer Abgeordneter an. Gleichzeitig wuchs sein Ruhm als Dichter weit über Frankreichs Grenzen hinaus. Schon sein erstes 1939 noch vor dem deutschen Einmarsch in Paris erschienenes Werk „Cahier d’ un Retour au Pays Natal“ (Aufzeichnungen einer Heimkehr ins Geburtsland) machte ihn berühmt. 1946 erschien bei Gallimard sein Band „Les Armes Miraculeuses“ (Wunderbare Waffen), 1948 „Soleil Cou Coupé“ (Sonnendolch), dem später noch u.a. der Essayband „Discours sur le Colonialisme“ und die Picassoausgabe von „Corps Perdu“ folgten.

Aime Césaire nahm schon immer eine Sonderstellung innerhalb der kommunistischen Partei ein. Wie Eluard und Picasso beugte er sich niemals den Forderungen nach „sozialistischem Realismus“ und schrieb auch keine Hymnen auf Stalin und die Sowjetunion. Für die militanten Stalinisten galt er als „Gefühlskommunist“ und „Poet“ wie Lorca oder Brecht, die selbst der Partei nie beigetreten waren. Man rückte sie nach vorne, ließ ihnen Freiheit für ihre „formalistischen Experimente“, ja selbst für theoretische Abweichungen, aber man beargwöhnte sie bis zuletzt. So war es auch nicht Aimé Césaire, der nach Pablo Neruda, Charly Chaplin und Anna Seghers den Stalinfriedenspreis erhielt, als 1954 zusammen mit Bert Brecht ein Negerdichter ausgezeichnet werden sollte, sondern der zweitwichtigste, politisch aber nicht so exponierte Antillendichter Nicolás Guillén, der Nachbar und Freund Hemingways auf Kuba. Die Schwarzen aller drei Kontinente aber sehen Césaire als ihren ersten geistigen Führer an, und auf dem Weltkongreß der Negerkünstler, der kürzlich in der Pariser Sorbonne stattfand, war es Césaires Rede, die alle mitriß.

Die Schüsse der sowjetischen Panzer auf die ungarischen Studenten und Arbeiter gaben dem seit langem mit seiner Partei hadernden Dichter den letzten Stoß. Er erkannte in ihnen die gleichen Methoden des Kolonialismus wieder, gegen die er in Afrika und Amerika kämpft. In seinem aufsehenerregenden Demissionsbrief an Maurice Thorez, den Chef der kommunistischen. Partei Frankreichs, der durch die ganze französische Presse ging, heißt es: „Weder die posthumen Rehabilitierungen und Staatsbegräbnisse noch die ofifziellen Reden werden diese Toten, diese Leiden, diese Hinrichtungen und Qualen jemals aufwiegen.“ Und er verlangt von Thorez analog zu den Forderungen der polnischen und ungarischen Rebellen für ihre Völker, „daß der Marxismus und Kommunismus in den Dienst der schwarzen Völker und nicht die schwarzen Völker in den Dienst des Marxismus und des Kommunismus gestellt werden ... Es ist klar, daß ich auf die Abstimmung der französischen kommunistischen Partei über Algerien anspiele, mit der die Partei der Regierung Guy Mollet–Lacoste die Vollmachten zu ihrer Nordafrikapolitik bewilligte, ein zufälliges Beispiel, aber wir haben keinerlei Garantie dafür, daß es sich nicht mehr wiederholen könnte ... Alle kommunistischen Parteien sind in Bewegung, in Italien, Polen, Ungarn, China. Und die französische Partei betrachtet inmitten des allgemeinen Wirbelsturms selbstgefällig ihren Nabel und ist satt und zufrieden. Niemals hatte ich so sehr das Bewußtsein einer solchen historischen Verspätung ...“ Diese Verspätungwolle er nicht mitverantworten. Doch sein persönliches Ansehen und seine Popularität in Martinique, wo er 1913 in Basse-Pointe geboren wurde, sind so groß, daß er auch als Parteiloser weiterhin seine Heimatinsel in der französischen Abgeordnetenkammer vertreten wird. Deshalb nennt ihn heute die nichtkommunistische Pariser Presse den „schwarten Tito von Martinique“. Prophetisch heißt es schon in seinem Gedicht „Mittagsdolch“: „O tyrannisch und ausgelassen zu Füßen gewittrigen stürmischen Schaums, und deine Fahne aus Lumpen knattert für die vergeudeten Stunden, für die verlassenen Spiele, für die Raben der Gegenwart, für die Schlangen der Zukunft.“ Wolf ganz Bächler