Nun sind die Panzer doch gekommen. Riesengroß sperren sie nicht nur die Hauptstraße nach Hegyeshalom, sondern sie sind auch auf allen kleineren Straßen und Feldwegen aufgefahren. Die russischen Kanonen deuten in Richtung der österreichischen Grenze, die hier etwa acht Kilometer entfernt sein dürfte. Tagelang war der ständige Morgengruß der Journalisten „Wie kommt man hinüber?“ Jetzt heißt die viel bangere Frage „Und wie zurück?“

Noch ist es möglich, herauszukommen, nur hinein wird niemand und nichts mehr gelassen; wenigstens an dieser Stelle. In Sopron soll man noch durchkommen. Hier aber ist die große Hilfsaktion plötzlich zum Stehen gekommen. Schmerzstillende Mittel, Penicillin, Blutplasma für die ungarischen Ausländischen, nichts geht mehr durch. Unwillkürlich erinnert man sich an die eiskalte Ruhe, mit der die Rote Armee Warschau ausbluten ließ.

Der nüchtern genau abwägende Sinn der Berichterstatter ist im Glutatem des Aufstandes längst dahingeschmolzen. Wir klammern uns an jede nur denkbare positive Interpretation der unheilverheißenden Vorbereitungen, die überall wahrnehmbar sind. Warum strömen seit Tagen russische Divisionen über die Grenze? Warum graben sich die Russen da und dort ein? Warum mehren sich die Nachrichten, daß vor allem schwere Artillerie, wie man sie zum Beschuß der Hauptstadt brauchen würde, nachgezogen wird? Vielleicht wollen die Russen ihren Abzug aus einer Position eindrucksvoller Stärke durchführen, vielleicht wollen sie ihre eigenen Soldaten nicht mit dem Gefühl der Niederlage nach Hause ziehen lassen ... Man erfindet diese Interpretationen, aber man glaubt nicht daran.

Die Spannung steigert sich von Stunde zu Stunde. Man beobachtet, man registriert, hält fest, überprüft seine Notizen – zur gleichen Zeit lauscht man angstvoll, ob nicht wieder ein anderes Geräusch zu vernehmen ist, der ferne Donner russischer Artillerie und Panzerfeuer. So gewinnt das innenpolitische Spiel den Charakter der Unwirklichkeit. Es ist in der Tat ein „Spiel“, so großartig und gewaltig, wie man es nie zuvor gesehen hat, das da auf der schwarz ausgeschlagenen Bühne aufgeführt wird.

An scharf profilierten Persönlichkeiten fehlt es wahrhaftig nicht. Da ist Generalmajor Maleter; die überragende militärische Erscheinung des Aufstandes. Da ist ein Kardinal der römischen Kirche, eben dem Gefängnis entstiegen, mit einem Gesicht, in dem nur die Augen noch Leben zu tragen scheinen, der die Worte spricht: „Ich empfinde für niemanden Haß.“ Da ist der ehemalige Sekretär der „kleinen Landwirte“, der neun Jahre in russischen Lagern verbracht hat und nun, wenn seine Gesundheit und Widerstandskraft es aushalten und wenn alles gut geht, Premier werden könnte. Da ist Tildy, der frühere Staatspräsident und calvinistische Geistliche, dem niemand viel Vertrauen schenkt und den manche „den Mann ohne Ehre“ nennen.

Da ist schließlich die vielleicht interessanteste Persönlichkeit: Imre Nagy, der Premier. Was hat man nicht alles über Imre Nagy gehört in diesen Tagen, und wie wenig davon ist bestätigt. Man weiß nicht einmal, ob er nicht am Anfang doch die russische Hilfe angefordert hat, nur seine eigenen, leidenschaftlichen Worte stehen dagegen. Fest steht, daß er in einem gewissen Augenblick die Zügel hinwarf, wie ein Reiter, dessen Pferd auf steiler Böschung ins Rutschen kommt. Mehr als das: er hat die Kommunisten in den Aufstand gegen die Kommunisten hineingetrieben. Aber schließlich in irgendeinem Augenblick müssen ihn selbst die Kräfte aus der Tiefe des Volkes überwältigt und mitgerissen haben. In dem Moment nämlich, als er die Neutralität seines Landes, den Austritt aus dem Warschauer Pakt und das Ende des Einparteiensystems proklamierte. Da waren die Würfel gefallen – Nagy war zu einer nationalen Figur geworden.

Sonnabend, gegen 21 Uhr: kleiner Gasthof an der Grenze. Es ist notwendig, so präzis zu datieren, die Ereignisse überstürzen sich, und nur so ist es möglich, die Dinge so zu schildern, wie wir sie hier in nächster Nähe erlebt haben. Eben hat Bundeskanzler Raab gesprochen, zu weiterer Hilfe aufgerufen und scharf gegen die Gerüchte Stellung genommen, Österreich habe seine Neutralität verraten.