AvF Rom, im November 1956

Im römischen Hauptquartier der italienischen KP ist dem Vernehmen nach seit Jahren keine Nachricht mit größerem Jubel aufgenommen worden, als die der militärischen Intervention Großbritanniens und Frankreichs im Nahen Orient. Palmiro Togliatti, der Herr des „römischen Kreml“ in der Straße „der dunklen Budiken“, soll förmlich gestrahlt haben, denn die unnachgiebige Strenge, mit welcher der sonst geschmeidige Führer der italienischen Kommunisten Moskaus Brutalität in Ungarn verteidigt, hat seine Partei in die schwerste Krise seit dem Faschismus gestürzt. Das Vorgehen der Briten und Franzosen aber gab Togliatti die Möglichkeit einer propagandistischen Entlastungsoffensive. Er hat diese Chance sofort ergriffen.

Alte italienische Kommunisten versichern, sie hätten sich seit der Gründung der Partei im Jahre 1921 noch nie so deprimiert gefühlt wie in diesen Tagen. Es ist gegenwärtig in Italien, der Hochburg des Weltkommunismus in Europa, sehr unpopulär, sich zu Togliatti zu bekennen. Die italienischen Proletarier, in denen noch eine anarchistische Tradition lebendig ist, haben es rein gefühlsmäßig abgelehnt, sich auf die Seite der Bajonette zu stellen.

Unter dem Druck der öffentlichen Meinung ist auch der Sozialistenführer Nenni ein gutes Stück von Togliatti abgerückt. Ob der starke Linksblock, den Chruschtschow den Sozialdemokraten des Westens als mustergültig empfahl, überhaupt noch vorhanden ist, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Wie isoliert die Kommunisten gegenwärtig sind, hat sich gezeigt, als Außenminister Martino in der Abgeordnetenkammer eine Erklärung über die ungarische Tragödie abgab und ihrer Opfer gedachte. Die Abgeordneten aller Fraktionen einschließlich der Nenni-Sozialisten erhoben sich, nur die Kommunisten blieben mit düsteren Blicken sitzen. Togliatti allerdings hatte es vorgezogen, der peinlichen Szene fernzubleiben.

Was hat diesen wegen seiner Meisterschaft in der Kunst der abschwächenden Auslegung und Umgehung sowjetischer Direktiven bekannten „roten Machiavelli“ ausgerechnet jetzt dazu bewogen, das Odium der Linientreue auf sich zu laden? Er hätte es nicht nötig gehabt, ein – wie man in Rom sagt – „Opfer der Budapester Oktoberrevolution“ zu werden. Vom ersten Tage des Volksaufstandes an hatte die „Unità“ jedoch die ungarischen Freiheitskämpfer als Konterrevolutionäre verleumdet und die Aktionen der ungarischen Kommunisten und Sowjettruppen uneingegeschränkt gebilligt. Die Differenzen innerhalb der KPI können nicht länger verborgen werden. Es haben sich in ihr ganz klar eine stalinistische Gruppe und eine Richtung herauskristallisiert, die unter Berufung auf den in einem faschistischen Gefängnis verstorbenen Parteitheoretiker Gramsci für eine Liberalisierung der Partei eintritt. Zu dieser Richtung gehört auch Di Vittorio, der gegenwärtig als Togliattis schärfster Konkurrent gilt. Togliatti versucht offenbar nach wie vor, eine Mittelstellung einzunehmen. Bis vor kurzem schien er eine Schwenkung zu einer Art Nationalkommunismus vorzuhaben. Nach dem XX. Kongreß der sowjetkommunistischen Partei hatte er die Losung von den verschiedenen Wegen zur Erreichung des Kommunismus aufgegriffen und sich darin in der Kritik gegen Moskau so weit vorgewagt, daß er vom Kreml gerügt wurde.

Togliatti war der erste kommunistische Führer im Westen, der – vermutlich auf eigene Faust – Ende Mai Tito besuchte und sich mit ihm versöhnte. Anfang Oktober schickte er zum Ausbau dieser Freundschaft eine Delegation nach Belgrad. Es wurde ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch zwischen beiden Parteien „im Geist der Kameradschaft und Gleichberechtigung“ verabredet. Togliatti hat seit jeher auf ein Höchstmaß an innenpolitischer Bewegungsfreiheit Wert gelegt. Nichts deutet darauf hin, daß er ausgerechnet jetzt, in Anbetracht der autonomistischen Bestrebungen in den Reihen der italienischen Sozialisten, auf diesen Spielraum verzichtet. Eine stalinistische Restauration würde die KPI zur Ohnmacht verurteilen. Aber offensichtlich kann sich Togliatti nicht dazu durchringen, den von ihm proklamierten „italienischen Weg zum Sozialismus“ auch in außenpolitischer Hinsicht zu beschreiten. Das Feuer der ungarischen Revolution hat Togliattis Grenzen klar beleuchtet. Er ist kein Nagy und vielleicht nicht einmal ein Gomulka.