Paris, Anfang November

Die Pariser Theatersaison hat mit einem regelrechten Skandal begonnen: Jean Anouilhs Dreiakter „Armer Bitos oder Das Diner der Köpfe“ scheidet die Presse und das Publikum in zwei widerstreitende Lager. Fast die gesamte Presse lehnt das Stück kategorisch ab (ihr Veto ist bereits auf die Straße gedrungen, an den Litfaßsäulen kann man zerrissene Plakate des „Pauvre Bitos“ sehen), das Publikum dagegen applaudiert allabendlich zu den beißenden Sarkasmen, die Anouilh gegen die herrschenden Totem und Tabus des französischen innerpolitischen Lebens richtet. Er bringt dabei Unaussprechliches zur Sprache: Die aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängten Erfahrungen der Zeitspanne 1944–47, die Jahre der „Reinigung“. „Verschwiegene Wahrheiten werden giftig“, schrieb Nietzsche, lange bevor Freud uns lehrte, durch Bewußtmachen des Erlebten gesundheitsstörende Hemmungen und Komplexe zu heilen. Ist Anouilhs „Armer Bitos“ ein Versuch, auf psychotherapeutischem Wege Fixierungen aufzulockern, die Frankreichs innerpolitische Entwicklung, lähmen?

Auch die heftige Reaktion, der Kritik mutet wie eine affektbetonte Abwehr des kollektiven Unbewußten gegen jede Erhellung der bestehenden Vorstellungen an. „Frenesie der niederen Gesinnung“ nennen die Lettres françaises Anouilhs Stück, und Combat, das Blatt der jungen intellektuellen Linken, schreibt: „Anouilhs ,Armer Bitos’ ist eine Herausforderung. Eine Beleidigung der Regierung. Der Parteien. Der Republik. Des Volkes. Der Resistance. Der Gerichtsbarkeit. Und vor allem Frankreichs. Man denkt besorgt an die Ausbeutung eines solchen Stücks durch eine antifranzösische Propaganda.“

Wer ist dieser Autor, der es unternimmt, die magische Jakobinermütze zu entzaubern? Ein Autor der „Rechten“? Nein. Zwar werfen manche Gegner Anouilh vor, daß er zu den geistigen Kollaboranten gehörte, weil seine Stücke im besetzten Paris aufgeführt wurden. Aber auch Claudel, Giraudoux, Mauriac, Sartre und Cocteau arbeiteten im besetzten Paris. Außerdem wurde Anouilhs Drama Antigone in den Jahren 1943–44 als eine Manifestation des Widerstandes gegen die Besetzungsmacht aufgefaßt. Seither stellt Anouilh in seinen Sartiren die Korruption, die moralische Schwäche der reichen Bourgeoisie bloß. Ein Autor der „Linken“ also? Nein, ein Nonkonformist, ein Einzelgänger – romantisch in seinem Leiden an der ihm sinnlos erscheinenden Welt.

Zeit seines neuen Stückes: Die Gegenwart. Ort: Das Refektorium einer früheren Karmeliterabtei, in der das Revolutionstribunal von 1793 die Vorfahren einiger der handelnden Personen zum Tode verurteilte. Die Fabel: Der jetzige Besitzer der Abtei, Maxime, und einige Landadelige veranstalten ein festliches Abendessen, zu dem die Gäste im Kopfputz der Revolution von 1789 erscheinen sollen; ein jeder hat seine historische Rolle ernsthaft zu spielen. Zweck der Maskerade: Die Magistratsperson Bitos zu verulken.

Bitos, schon in der Priesterschule von seinen Kameraden gehaßt und verprügelt, kam 1945 als Sachwalter der Résistance in seinen Heimatort zurück. Unter anderen kapitalen Strafen ließ er seinen Jugendfreund Lucien zum Tode verurteilen. Bitos kommt im Kostüm von Robespierre – als einziger ganz verkleidet – und läßt sich in der Tafelrunde seiner ehemaligen Schulgefährten nieder, welche Danton, Saint-Just, Tallien, Desmoulins, Mirabeau, Marie-Antoinette, Ludwig XVI. verkörpern.

In diesem Mummenschanz ziehen die Gastgeber Bitos-Robespierre für seine Gewalttaten von 1793 zur Verantwortung. Danton führt die Anklage. Ein historisches Wort fällt, in Wahrheit im Februar 1945 von dem Schöffen des Gerichtshof von Fresnes gesprochen, als der Ex-Redakteur des Je Suis Partout, Robert Brasillach, füsiliert wurde: „Meine“ Herren, wir haben den Stundenplan eingehalten.“