Westdeutschlands Studenten demonstrierten in fast allen Universitätsstädten. Sie demonstrierten für und sie demonstrierten gegen, und sie wußten, wie hilflos ihre Geste war. Denn was kann man tun – zu dieser Stunde tun – für die Unterdrückten und gegen ihre Unterdrücker?

Im Hörsaal A der Hamburger Universität, in dem Studenten sich drängten wie wohl nie zuvor, versuchte einer, diese Antwort zu geben: der Professor der Theologie Helmut Thielicke: „Noch nie bin ich so schweren Herzens an ein Katheder getreten ..., denn in diesem geschichtlichen Augenblick werden alle großen Worte gewogen und zu leicht befunden.“ Ungarn sei für uns alle ein Bußruf, Ungarn schleudere uns die Frage zu: Sind wir der Freiheit überhaupt noch wert? Wir, die wir Freiheit nur noch konsumieren, nicht aber mehr produzieren? Wenn das, was an Ungarn so zum Verzweifeln sinnlos erscheint, doch noch einen Sinn für uns bekommen soll, dann doch nur den, daß wir im Anblick dieser Ereignisse uns selbst besinnen. „Die Worte von den heiligsten Gütern sind, da der Westen seine Glaubwürdigkeit verlor, zur Makulatur geworden..., aber das Große, das diese dunkle Stunde uns schenkt, ist, daß sie uns zum Wesentlichen aufruft und zu letzten Revisionen zwingt.“ Und diese letzten Revisionen lägen, darüber möge man sich nicht täuschen, auf einem anderen Felde als all die Dinge, die uns so schrecklich wichtig erscheinen: Arbeitszeitverkürzungen, Lohnerhöhungen, Steuersenkungen... H.G.