Vierzig Tiefkühltruhen stehen in den Feinkostgeschäften einer Großstadt mit etwa fünfhunderttausend Einwohnern. Zwölftausendfünfhundert Menschen müßten also aus einer Truhe zehren, hätten sie täglich Appetit auf tiefgekühlte Lebensmittel. Das gäbe recht karge Mahlzeiten...

In anderen Städten ist das Verhältnis von Einwohnerzahl zur Möglichkeit, schnellgefrorenes Gemüse und tiefgefrorenen Fisch volkstümlich zu machen, ungefähr das gleiche. Nur die Bewohner der Gegend um die Bundeshauptstadt herum und im benachbarten Köln sind etwas besser gestellt. Mit ihnen hat man Anfang dieses Jahres das Experiment mit der Tiefkühlkette gemacht. Seither stehen in und um Bonn und Köln etwa fünfhundert Tiefkühltruhen, und das sind – wie bewiesen wurde – nicht zu viele für den Bedarf der Bewohner.

Aber es scheint, daß es zu viele für die Kapazität der Produzenten seien. Schon in den Wochen des Experiments gab es Nachschubschwierigkeiten, beispielsweise beim Spinat. Die Tiefkühlkette wurde vom Verbraucher bis zur Grenze ihrer Haltbarkeit strapaziert. Das ist als Ergebnis eines Verbrauchertestes vielleicht erfreulich. Es ist aber für die Absichten der Veranstalter, einen erheblich größeren Verbraucherkreis an die Tiefkühlkette zu legen, recht bedenklich.

Auch die obenerwähnten vierzig Truhen einer Großstadt sind heute noch nicht so gefüllt, wie es nur der Appetit der noch verhältnismäßig kleinen Gemeinde der Tiefkühl-Gourmets verlangt. Die Sachverständigen haben festgestellt, daß allein zwanzigtausend Tonnen Obst und Gemüse erforderlich seien, um die in Westdeutschland und Westberlin vorhandenen Tiefkühltruhen zu füllen. Sechstausend Tonnen können jedoch nur aus landeseigener Produktion geliefert werden. Die Produktion scheint also eine weiche Stelle der Kette zu sein, die man bei der Planung offenbar nicht beachtet hat.

Diese Produktion macht allerdings Schwierigkeiten, wenn das Gemüse nicht gut gewachsen ist. In diesem Jahr war beispielsweise das Wetter den feinen Erbsen ungünstig gesinnt. Auch die Erdbeeren werden für die nächste Zeit wenig Raum in den Tiefkühltruhen beans-ruchen. Sie haben dieses Jahr ohnehin nicht viel Aroma gehabt. Zum „Frosten“ aber können nur die besten Gartenerzeugnisse für würdig befunden werden. Das bietet dem Verbraucher beim Kauf von tiefgekühlten Lebensmitteln zwar die Zuverlässigkeit eines Markenartikels, läßt aber den Erzeuger leicht in die Einflüsse höherer Gewalt geraten.

Wir werden zufrieden sein müssen, wenn wir zunächst die Auswahl von etwa hundertzwanzig verschiedenen Lebensmitteln, die in letzter Zeit in Deutschland angeboten wurden, halten können. Amerika hat in der Produktion offenbar keine Sorgen. Dort wurden im vorigen Jahr fast zwei Millionen Tonnen gefrostet. Das USA-Sortiment reicht bis zu dreitausend Spezialitäten. Darunter gibt es sehr ausgefallene Sachen, wie beispielsweise das „Television-Dinner“. Dieses Fertiggericht ist die Idee des Verkaufsleiters eines großen Lebensmittelwerkes, der sich durch das Fernsehen inspirieren ließ. Er meinte nämlich, daß sich die Amerikaner nicht mehr zu einem ordentlichen Abendessen an den Tisch setzen mochten, weil sie dann ihren Sessel vor dem Fernsehapparat hätten aufgeben müssen...

Ein „Television-Dinner“ ist verhältnismäßig einfach: in einer dreifach geteilten Aluminiumschale gibt es Kartoffelbrei, Erbsen und ein Stückchen vom Truthahn, jedes liegt an seiner Stelle. Man braucht bei einiger Übung während des Essens nicht mehr hinzusehen, und selbst die Hausfrau hat sich mit der Zubereitung des Dinners nicht aufzuhalten brauchen, denn jede Aluminiumschale wird in Folienverpackung verschlossen eiskalt ins Haus geliefert und zwischen den ferngesendeten Darbietungen der kleinen Nachtmusik und eines wirklich wirksamen Haarwassers im Elektroherd schnell aufgewärmt. Dieses so behandelte Dinner schmeckt aber nicht etwa „aufgewärmt“, sondern so frisch, als ob die Erbsen erst am Nachmittag gepflückt worden wären. Und dieses gehört mit zu den Dingen, die den tiefgekühlten Lebensmitteln einen besonderen Reiz verleihen.