Selbst für die Ewige Stadt bedeutete der wirtschaftswissenschaftliche Weltkongreß, der in Rom vor einigen Wochen stattfand, etwas ganz Neues. Zum ersten Male in der Geschichte der Nationalökonomie trafen sich ihre Vertreter aus 25 Ländern, um die Fragen einer wachsenden und zugleich stabilen Weltwirtschaft zu diskutieren. Was der von der International Economic Association einberufenen Tagung den eigentlichen Reiz verlieh, war das Zusammentreffen von Wirtschaftswissenschaftlern aus völlig verschiedenen Lagern. Damit ist jedoch einmal nicht die Ost-West-Spaltung gemeint, sondern die Teilung der Welt in arm und reich. Neben einer großen Gruppe von angelsächsischen und europäischen Vertretern und den Sowjetrussen saßen die Nationalökonomen Japans, Indiens, Pakistans und der südamerikanischen Staaten. Deutschland war durch eine Reihe von Mitgliedern des Vereins für Sozialpolitik vertreten; der International Economic Association gehören nämlich lediglich die wirtschaftswissenschaftlichen Vereinigungen der Länder an, nicht hingegen einzelne Personen.

Es scheint ein tieferer Bezug in der Tatsache zu liegen, daß die Wirtschaftwissenschaftler der „Kapitalexportstaaten“ (das Wort Kolonialmacht fiel nicht!) und der „Entwicklungsländer“ am Ausgangspunkt der abendländischen-europäischen Geschichte sich zusammenfanden. Ging es doch für die europäischen und nordamerikanischen Vertreter um keine geringere Frage als die nach der künftigen wirtschaftlichen Bedeutung der altindustrialisierten Welt für den großen Kreis der „Entwicklungsländer“, für die erst jetzt das Zeitalter der Industrialisierung anbricht, während die „älteren“ Volkswirtschaften allem Anscheine nach bereits in die nächste Runde eintreten, in der Automation und Atomenergie das eigentliche movens der industriellen Entwicklung sein werden, so wie es weiland die Dampfmaschine für unsere Urgroßväter war.

Am Ende des Kolonialzeitalters stehen Weltwirtschaft und Welthandel vor tiefgreifenden Wandlungen. Die überseeische Industrialisierung wirkt beständig auf die gütermäßige Zusammensetzung des Welthandels ein. Seine Richtung und seine Störungsempfindlichkeit wandeln sich gegenwärtig besonders stark. Die unvermeidlichen Spannungen, die sich einstellen werden beim Übergang von der Weltwirtschaft alten (kolonialen) Typs, in der sich Rohstoffländer und Industriestaaten gegenüberstanden, zur neuen, all-round-industrialisierten Welt, bildeten einen immer wieder neu beleuchteten Tatbestand der römischen Debatten. Die Neuindustrialisierung in Übersee und die zweite industrielle Revolution in den USA und in Europa bieten sich der Menschheit in einem Augenblick an, in dem 6 v. H. der Weltbevölkerung in USA 45 v. H. des Welteinkommens verdienen, während auf die asiatischen 50 v. H. der Bevölkerung nur etwa 10 v. H. des in der Welt verdienten Einkommens entfallen. Damit ist die Problematik umrissen, zu der die besten Fachvertreter vieler Länder sich zu Wort meldeten. Aus dem großen Kreis seien genannt: D. H. Robertson, G. Haberler, J. Viner, F. Perroux und E. Lundbergk. Die Referenten hatten sich – wie einst Spanien und Portugal – die Welt geteilt und besprachen die Probleme der wohlhabenderen (sprich: kapitalexportierenden) Länder getrennt von denen der Kapitalempfängerländer. Dabei erwies sich zuweilen die Bezeichnung „Nationalökonom“ als ein recht echtes Wort. Nicht immer gelang es den Wirtschaftswissenschaftlern der „älteren Hälfte“ der industrialisierten Welt, eine Synthese zwischen den Notwendigkeiten junger, aufstrebender Volkswirtschaften und den helfenden oder steuernden Möglichkeiten der bisherigen Kolonialmächte, ein- – schließlich Nordamerikas, herzustellen. Dennoch fehlte es auf dieser Tagung – der Bandung-Konferenz der Wissenschaftler – an jener knisternden Konferenzatmosphäre, die stets „da“ ist, wenn Politiker die gleichen Fragen behandeln.

Die Gespräche bewegten sich also streng im Sachlichen, soweit es den Teilnehmern möglich war, jeweils die ökonomisch-gesellschaftlichen Probleme der anderen zu begreifen. Nordamerika, als derzeit größter Geldgeber in der Welt, sucht nach neuen Formen des Kapitalexports‚ da konzernabhängige Tochtergesellschaften von den meisten inzwischen selbständig gewordenen Entwicklungsländern abgelehnt werden. Großbritannien und einige andere europäische Staaten sind bemüht, sich nach besten Kräften an der überseeischen Industrialisierung zu beteiligen, ohne ihre schon älteren Industrieländer der übermütigen Konkurrenz der noch ungebändigten jungen industriellen Welt in Übersee auszusetzen. Die „Entwicklungsländer“ sind strukturell so verschieden (man denke nur an Südamerika und Ostasien!), daß die rückwirkenden Einflüsse der neuen Industrialisierungswelle auf die alten Industrieexportstaaten noch fast völlig unbekannt sind. Und werden künftig die monetären oder die giterwirtschaftlichen Zusammenhänge den Welthandel und damit die Weltkonjunktur prägen?

Die Tagung, die nicht ohne Verzicht auf traditionellen römischen Prunk ablief, offenbarte erfreulicherweise auch die für jede wissenschaftliche Disziplin notwendige Strenge und Einheitlichkeit in der Begriffsbildung. Die Übereinstimmungen waren größer als die Verschiedenheiten – was in den Geisteswissenschaften viel bedeutet. Seit 1914 gibt es einen Wettlauf zwischen der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung und ihrer gedanklichen Bewältigung durch die Wirtschaftswissenschaften. Oft genug ist der Vorwurf erhoben worden, die wissenschaftliche Nationalökonomie sei bei diesem Rennen ins Hintertreffen geraten. Sicherlich war sie als „politische Wissenschaft“ im 19. Jahrhundert stärker der Politik verbunden als heute – erinnert sei an Friedrich List und Adolf Wagner. Dafür ist sie heute abstrakter, aber auch allgemeingültiger und – objektiver. Der Preis für eine werturteilsfreie Betrachtungsweise, die in Rom von den etwa 400 Beteiligten geübt wurde, ist jedoch die Entfremdung zur Praxis des sozialen Lebens. Der kommerzielle Alltag folgt den ökonomischen Theorien der vorangegangenen Generationen, während die reine Theorie der immer noch jungen Nationalökonomie häufig um eine der Öffentlichkeit unverständliche Begriffsbildung ringt. Die Inflation der Kongresse der Mediziner und Kernphysiker nimmt die Öffentlichkeit mit der stets frischen Spannung des Illustrierten-Lesers zur Kenntnis. Über neue Forschungen auf dem Gebiete der Krebsbekämpfung zu sprechen, bleibt jedoch wenigen vorbehalten, während die Wahl in ein politisches Amt ohne weiteres die Berechtigung mit sich zu bringen scheint, populär-ökonomische Plattheiten mit dem Anspruch auf tiefsinnige Allgemeingültigkeit zu publizieren. Zwar muß nahezu jede wissenschaftliche Disziplin mit einem popularisierenden Halbvetter kämpfen, für den „im Grunde genommen“ alles so einfach ist; die Nationalökonomie hat in diesem ständigen Gefecht gegen die terribles simplificateurs jedoch einen besonders schweren Stand, bedingt durch die oft fatale Nähe zum Politischen. Rom hat einmal mehr bewiesen, wie falsch die Öffentlichkeit die Nationalökonomie beurteilt, wenn sie in die Nähe der „Weltanschauungen“ oder der „doch allen bekannten, selbstableitbaren Zusammenhänge“ rückt. Den „Weltwirtschaft im Umbruch“-Autoren ist die leidenschaftslose und ernste Wirtschaftswissenschaft um viele Längen voraus – aber die Öffentlichkeit weiß das kaum. Und auch über die tatsächliche weltwirtschaftliche und weltpolitische Entwicklung sprechen die Nationalökonomen in aller Welt zumeist in der gemeinsamen Sprache des Übermorgen.

Ein fast bestürzender Eindruck konnte in Rom entstehen: Wenn der Geist seine innere Einheit gefunden hat und wenn die Zeit reif ist, vermag er selbst Einfluß zu nehmen auf den Gang der Wirtschaftsgeschichte – so, wie die Naturwissenschaften seit langem das Weltbild unserer Zeit mitprägen. Die Nationalökonomie denkt weltwirtschaftlich und wird es in Zukunft noch mehr tun müssen. Das Paradox liegt im Wort, nicht in der Sache. Als „internationale“ Ökonomie vermag sie einen Beitrag zu leisten zur Erkenntnis der Seinsbezüge unserer in ihren ökonomischen und gesellschaftlichen Verschiedenheiten noch immer großen und vielgestaltigen Welt. Die methodische Ausgangslage und das sachliche Wissen hat sie sich längst erarbeitet. Ihre Bedeutung und ihre Leistung als Wissenschaft wird um so größer sein, je tiefer sich die jungen Entwicklungsländer in Übersee zunächst in ihrem eigenen Nationalismus verstricken. L. Köllner