Ägypten, der Angegriffene Ist schuld. Großbritannien und Frankreich verhinderten ein Eingreifen der UNO gegen den israelischen Angriff auf Ägypten, indem sie (zum ersten Male seit Gründung der UNO) von ihrem Vetorecht Gebrauch machten. Unmittelbar darauf eröffneten sie die Feindseligkeiten – nicht gegen Israel, sondern gegen Ägypten. Nach fünftägigem Luftbombardement landeten ihre Truppen bei Port Said. – Die Ägypter wurden auf derSinai-Halbinsel von den Israelis geschlagen. Die Vollversammlung der UNO beschloß, eine internationale Polizeitruppe aufzustellen, um die Kämpfenden in Ägypten zu trennen. Norwegen, Finnland, Dänemark, Pakistan und Kanada wollen Truppen zu dieser Polizeitruppe beisteuern. – Eine neue ernste Wendung nahm der Nah-Ost-Konflikt durch einen Vorschlag Bulganins an die USA, der anglo-französischen Invasion in Ägypten gemeinsam mit Waffengewalt entgegenzutreten, „um die Gefahr eines dritten Weltkriegs zu bannen“. Washington bezeichnete das als „undenkbar“ und erklärte, die Sowjets sollten zuerst ihre Truppen aus Ungarn zurückziehen. Moskau will durch energische Worte gegen England, Frankreich und Israel die Aufmerksamkeit der Welt von seinen eigenen Sünden in Ungarn ablenken; aber das macht die Sünde gegen Ägypten nicht weniger schwer.

Sturm gegen Eden: Staatssekretär Nutting, der zweite Mann im Foreign Office, trat aus Profest gegen Edens bewaffnete Intervention am Suezkanal zurück. Auch dem Rücktritt des Verteidigungsministers Sir Walter Monckton vor vierzehn Tagen dürften ähnliche Motive zugrunde liegen. Bis tief hinein in das konservative Lager reicht in England der Unwillen, ja die Empörung über Eden. Mit kaum zu überbietender Schärfe fordert die Opposition seinen Rücktritt.

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Adenauers Dilemma: Bonner Regierungskreise sind von dem Vorgehen der französischen und englischen Bundesgenossen in Ägypten peinlich berührt, wollen aber trotzdem an der bisherigen Bündnispolitik festhalten. Einige Regierungsanhänger sehen in der jetzigen Entwicklung sogar eine neue Chance für Europa, da England wegen der Verstimmung über die Haltung der USA mehr an Europa heranrücken werde. Die Opposition findet es dagegen unangebracht, daß Adenauer jetzt nach Paris fährt und – wie die Korrespondenz der FDP schreibt – einem „Mitschuldigen am Drama der letzten Tage“ (gemeint ist Mollet) die Hand reicht. Die Opposition findet, die deutsche Politik solle aufhören, „Musterschüler des Westens zu spielen“ und statt dessen zwischen Ost und West vermitteln.

Ungarische Tragödie: Die ungarische Revolution schien einen alle Erwartungen übertreffenden Sieg errungen zu haben, als Moskau den psychologischen Augenblick der anglo-französischen Aggression in Ägypten nutzte, um den Aufstand rasch und blutig niederzuschlagen. Imre Nagy, der den Warschauer Pakt gekündigt und sich um Hilfe an die UNO gewandt hatte, wurde als „Komplice der Reaktion“ bezeichnet und verhaftet. Der Nationalkommunist Janos Kadar übernahm unter dem Schutz und im Schatten sowjetischer Kanonen die schwere Aufgabe, eine neue Regierung zu bilden. Sie versucht einen „Gomulka-Kurs“ zu steuern und hat, um die Unterstützung wenigstens eines Teils der Bevölkerung zu gewinnen, genau wie Nagy, den Abzug der sowjetischen Streitkräfte versprochen.

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Schweizer Rettungsversuch: „Um einen driften Weltkrieg zu verhindern“, lud die Schweizer Regierung die vier Großmächte und Indien zu einer Konferenz in die Schweiz ein. Falls die Mächte annehmen, wird sich auf dieser Konferenz eine amerikanisch-russischindische Mehrheit gegen die anglo-französische Intervention in Ägypten ergeben, doch dürften die USA versuchen, die Rolle des Vermittlers zu spielen.

Sirius, 8. 11. 56