Ob ihr nicht ihre Leser eine Spur wichtiger waren? Wichtiger als ihre Leserinnen? Nicht männliche Eitelkeit ist es, die so fragt. Denn wer anders als Colette hätte beharrlicher und charmanter, freimütiger und wissender gerade männliches Versagen enthüllt? Oder sagen wir: jene fahrlässige Lieblosigkeit in der Liebe, gegen die anzukämpfen für eine Frau desto schwerer ist, je häufiger sie erfahren hat, daß ihr das Leben nicht erlaubt, immerfort zu schmollen...

Viele Male hat Colette das Schicksal des gebrannten Kindes abgewandelt, das dem Feuer nun einmal nicht zu entrinnen vermag. Ein Genie weiblicher Aufrichtigkeit, gab sie ihren sensiblen Liebesgeschichten den Grundzug des Unerbittlichen, wenn auch gemildert durch ihren schwebenden, nervig-graziösen Stil. Laßt euch gegenseitig, falls ihr wirklich ein Paar werden wollt, nichts durchgehen! Besteht darauf, daß der andere Teil euch glücklich macht – wie wolltet ihr euch sonst verschenken? Wahrhaftigkeit allein verbürgt euern Bund! Solche „Ars amandi“ und die Meisterschaft nuancierten dichterischen Erzählens: sie erwärmen und verzaubern uns, machen uns lebensoffener und liebestüchtiger, sobald wir Mitsou und Chéri, Gigi und Renée Nere, Vinca und ihrem Phil und all den anderen in jenen deutschen Colette-Bänden begegnen, deren stattliche Reihe neuerdings wieder um die Geschichte von Minnie und Antoine. bereichert ist:

Colette: „Geträumte Sünden.“ Roman. Aus dem Französischen von Hans Beppo Wagenseil. Paul Zsolnay Verlag, Hamburg/Wien; 270 S., 9,80 DM.

Der deutsche Titel – der französische heißt „L’Ingenue libertine“ – ist leider schief. Es kostet dieselbe Minnie als Mädchen zwar bloß geträumte, als junge Frau jedoch unbestreitbar reale Sünden, bis sie von ihrem langsamer reifenden jungen Gatten Antoine entdeckt, gebunden, glücklich gefesselt ist. Wenn man so will, allenfalls eine „sündige Naive“ – deren Typ auf der Leinwand Daniele Delorme als Minnie exquisit verkörpert – keineswegs aber eine dem Klischee gefügige „naive Sünderin“, wie sie neckischerweise der Vorspann der deutschen Synchronisation des Pariser Films um Minnie plakatiert.

Der Mangel an Politesse gegenüber Colette, wie ihn solchermaßen die Filmbranche bekundet, hat bei uns freilich noch üppigere Blüten getrieben. Was taten zum Beispiel die Verfertiger eines populären wissenschaftlichen Taschenbuchs, das den Benutzern zu ihrer Information ein weltliterarisches Stichwörter-Abc offeriert? Sie erachteten die ihnen gar nicht vollständig bekannte Ehegeschichte von Colette für mitteilenswerter, als eine hinreichende Charakteristik ihres schwerlich in der Tierliebe gipfelnden Schaffens. So daß sich besagte Charakteristik in der Notiz erschöpft, die meisten Romane von Colette enthielten autobiographische Elemente (was ja auch zutrifft), und sie sei eine „feine Kennerin der Tierpsyche“, Eine Feststellung, die für die Kennerin und Bekennerin der Frauenseele wohl gleich mitgelten soll! Auf eine unziemliche Verkürzung des Doppelvornamens der Dichterin kommt es dann natürlich auch nicht mehr an...

Immerhin: in einer anderen, rühmlich anerkannten Taschenbuchreihe gebärdet man sich weit rätselhafter, und zwar ebenfalls dort, wo den Lesern eine wohlmeinende literarische Unterrichtung angedeiht. Hartnäckig wird da versichert: der „bürgerliche Name“ von Colette habe „Gabriele Sidonie“ gelautet! Ein taktloser Unsinn, dem rasch der Garaus gemacht werden sollte. Als Colette am 28. Januar 1873 in St. Sauveur-en-Puisaye (in Burgund) geboren wurde, gab man ihr die Vornamen Sidonie Gabrielle Claudine. Ihre erste Ehe verband sie mit dem Musikkritiker und Schriftsteller Henri Gautier-Villars, ihre zweite Ehe mit dem Diplomaten und Schriftsteller Henri de Jouvenel. Im August 1954 nahm die mit dem Großkreuz der Ehrenlegion dekorierte Präsidentin der Akademie Goncourt, unter innigster Anteilnahme der Pariser Bevölkerung, ihren letzten Weg vom Palais Royal zum Pere-Lachaise, und hinter ihrem Sarg schritten Madame Colette de Jouvenel, die Tochter der Dichterin, Monsieur Maurice Goudeket, als (dritter) Gatte, und Madame Pauline, ihre Pflegerin.

Ihr Vater war der Sohn einer adligen Glasfabrikantenfamilie. Den Namen „Colette“ bezeichnet die Dichterin in ihrem Buch „Mein Elternhaus“ als ihren Familiennamen. Doch kann man das und viel anderes Persönliche leicht selbst dem anmutigen Band entnehmen, der, im Augenblick nur antiquarisch greifbar, eine baldige Neuauflage verdiente, nicht zuletzt der trefflichen Übersetzung von Erna Redtenbacher wegen. Von ihr, der in Paris heimischen und mit der Dichterin in Kontakt gewesenen Wienerin, stammen die besten Eindeutschungen der Bücher von Colette. hg. m.