Schlachtbank Ungarn und Sartres Absage an Moskau

Von Josef Müller-Marein

In einem bestimmten Augenblick schien es, als werde der Aufstand der Ungarn siegreich sein – in diesem Augenblick erhielt ein württembergischer Politiker, ein Prominenter in den Reihen der FDP, der lange Zeit die Geschicke seines Landes geleitet hatte, den telephonischen Anruf besorgter Freunde. Würden die Sowjets nicht jetzt die Panzer wieder rollen lassen? Würden sie nicht alles tun, um dieses Land in ihrer Gewalt zu halten? Würden sie nicht ein solches Exempel von Blut und Terror statuieren, daß nicht nur die sowjetische These von der Koexistenz, sondern auch die Hoffnung auf einen andauernden Frieden in die Brüche gingen?

Der Politiker erwiderte, dies seien so recht die Sorgen von Bierbankstrategen! Rußland sei ein großes Reich. Es werde den Verlust des Satelliten Ungarn lächelnd hinnehmen, genau wie England manches habe einstecken müssen und dennoch noch immer eine Weltmacht sei...

Leider hatte der große Mann unrecht. Die sowjetische Politik ist so primitiv, daß sie von denen am ehesten begriffen wird, die am wenigsten nachdenken. So hat der Anblick der Schlachtbank Ungarn gerade jene Geister aufgestört, die in ihre besonders feingesponnenen politischen und geistigen Spekulationen wohlmeinend auch Sowjetrußland einbezogen hatten: Jean Paul Sartre der mit den kommunistischen Intellektuellen seines Landes gute Freundschaft gehalten, sagte sich los, wobei er mit jener Leidenschaft, die seinen philosophischen Schriften viel Wirkung verschafft hat, erregte Anklagen gegen die Sowjets richtete: „Es ist eine schamlose Lüge“, so schrieb er im Express, „wenn die Sowjets behaupten, daß die Arbeiter auf der Seite der sowjetischen Truppen kämpfen. Die Rote Armee hat auf ein ganzes Volk und nicht nur auf eine Handvoll bewaffneter Emigranten geschossen. Es ist das Volk, es sind die Arbeiter und Bauern, die hingeschlachtet werden.“ Gleich Sartre ist auch François Mauriac aus der „Gesellschaft für sowjetisch-französische Freundschaft“ ausgetreten. Offenbar fühlten beide, daß es den literarischen Wortführern eines Landes nicht wohl ansteht, mit Mördern an einem Tisch zu sitzen.

Als der Geist links stand...

In diesen Wochen der ungarischen Katastrophe erlebt man jedoch auch in Deutschland, daß einige schmerzvoll Abschied nehmen von einem humanistischen Idealbild, wie sie es in Sowjetrußland wirksam oder der Verwirklichung nahe glaubten. Es waren nur noch wenige – Nachzügler im Trend politischen Denkens. Aber es wäre ungerecht, sie einfach als schlechte Deutsche oder als Opportunisten abzutun. Daß, was gestern als radikal sozialistisch erschien, sich heute als radikal nationalistisch enthüllt, und was als international sich ausgab, sich schließlich als imperialistisch entschleiert, ja, daß liebgewohnte politische Kennworte wie „rechts“ und „links“ zu vagen Phrasen werden, das ist eine höchst unbequeme moderne Erkenntnis.