K. W. K., Buenos Aires, im November

Die ernsthaften Schwierigkeiten, denen Argentinien sich heute in seinen Handelsbeziehungen gegenübersieht, stellen keinen Einzelfall dar, sondern zeigen an einem besonders deutlichen Beispiel, wie sehr die Regierung Aramburu sich in den letzten Monaten in ihrer Wirtschaftspolitik vom Boden der Wirklichkeit entfernt hatte, um sich immer mehr von gefährlichen Illusionen leiten zu lassen. Als die im Vorjahr nach der Revolution gezogene Bilanz der Lage einen Nachholbedarf an Anlagegütern ergab, der ohne ausländische Kredithilfe nicht befriedigt werden konnte, begann alles Planen sich auf die von den USA erwarteten Dollaranleihen zu gründen, zumal man auf das politische Wohlwollen Washingtons vertraute, Perón den internationalen Finanzinstituten ferngeblieben war und bei der Wiederaufbaubank und der Eximportbank unausgenutzte Kreditmöglichkeiten für Argentinien offenstanden. Unter der magnetischen Wirkung der Hunderte von Millionen Dollar, die man in Washington griffbereit wähnte, richtete sich die gesamte Wirtschaftspolitik darauf aus, das Wohlwollen der USA zu sichern; die Beziehungen zu Westeuropa wurden in der gleichen Zeit leider in folgenschwerer Weise vernachlässigt.

Von der Eximportbank erhielt Argentinien dann einen 100-Mill.-$-Kredit für den Kauf von Lokomotiven und Transportmaterial in den USA, und ein weiterer Kredit in ähnlicher Höhe und ebenfalls für einen bestimmten Zweck wurde von der Wiederaufbaubank in Aussicht gestellt. Der geringe Umfang (vor allem aber die enge Zweckgebundenheit dieser Darlehen) haben in Argentinien enttäuscht, zugleich aber einige bittere Lehren erbracht. Für mehrere der Vorhaben, für die Argentinien Kredite erwartete (vor allem die Elektrizitätsversorgung und die Erdölförderung), lehnte Washington Darlehen aus öffentlichen Mitteln mit dem Hinweis darauf ab, daß hierfür genügend Privatkapital bereitstehe und Argentinien nur dem ausländischen Kapital gegenüber eine gerechte, wohlwollende Politik einzuschlagen brauche, um bei ihm ausreichende Bereitschaft zur Mitarbeit zu finden. Die zweite Lehre war, daß für die Höhe der Kredite nicht der Bedarf, sondern die Rückzahlungsmöglichkeiten maßgebend waren. Da Argentiniens Ausfuhr nach den USA auf wenige Produkte beschränkt und auf mehr als 20 v. H. der Gesamtexporte nicht ausweitbar ist, müssen die Mittel zur Rückzahlung der Dollarkredite aus den Exporten nach den Hartwährungsländern in Westeuropa kommen. Man gab daher in Washington zu verstehen, daß Argentiniens Kreditwürdigkeit in erster Linie auf die Festigkeit seiner Beziehungen zu Westeuropa beruhe...

Während Argentinien sich in Washington um einen neuen Kreditgeber bemühte, ließ es aber die Beziehungen zu den altbewährten, geduldigen Gläubigern in Westeuropa rasch verkümmern. Nach unverbindlichen Vorbesprechungen wurden im Mai die Verhandlungen in Europa abgebrochen und erst in der zweiten Augusthälfte wieder aufgenommen, als die argentinische Position bedeutend ungünstiger geworden war. Die westeuropäischen Länder, auf die traditionsgemäß 65 v. H. des argentinischen Außenhandels entfallen, hatten Lieferungs- und Swingkredite in Höhe von 500 Mill. $ gewährt und erwarteten; als Argentinien um ein Moratorium bat, wenigstens einige Anzeichen guten Willens von seiten des Schuldners. Gerade daran aber ließ Argentinien es vollkommen fehlen. Da man mit der bequemeren Lösung der Dollaranleihen rechnete, wich man in Buenos Aires den peinlichen und mühsamen Verhandlungen mit Westeuropa aus und glaubte vielleicht sogar, ein. Aufgeben alter Freundschaften werde in Washington guten Eindruck machen.

Die Zeit arbeitete jedoch gegen Argentinien. Die verschiedenen Sonderfragen, die außer dem Schuldenproblem die Beziehungen zu jedem einzelnes Land störten, verschärften sich immer mehr, besonders im Falle Deutschlands. Die Bundesregierung hatte seit mehreren Jahren mit wachsendem Nachdruck um die Lösung der Frage des im Krieg beschlagnahmten Firmeneigentums nachgesucht und sich sogar zu finanziellen Opfern bereit erklärt, auf die Argentinien selbst nach Ansicht maßgebender hiesiger Juristen keinen rechtlichen Anspruch erheben kann. Die Hinhaltetaktik, die von der Regierung Aramburu in diesem Falle eingeschlagen wurde, nahm in der zweiten, noch akuteren Frage der über deutsch-argentinische Firmen verhängten Vermögenssperre ein durch nichts zu rechtfertigendes Ausmaß an. Konnte man im Vorigen Dezember der argentinischen Regierung das Recht zugestehen, zu untersuchen, ob bei einigen deutsch-argentinischen Gemeinschaftsgründungen Perón und seine Strohmänner sich ungebührlich bereichert hatten so konnte es nur noch als ein bewußt gegen Deutschland gerichteter Akt angesehen werden, daß man unter dem Vorwand einer sich endlos hinschleppenden Untersuchung diese Firmen bewußt zugrunde richtete – während man bei nordamerikanischen Firmen zwar Unregelmäßigkeiten nachwies, aber dann demonstrativ beide Augen zudrückte. Man hatte daher in Bonn keine Neigung, sich mit den argentinischen Delegierten über Moratorium, neue Kredite und multilateralen Zahlungsverkehr zu unterhalten, und da ohne die Teilnahme des Hauptgläubigers Deutschland eine allgemeine Schuldenregelung nicht möglich ist, haben die Delegierten auch in anderen Hauptstädten eine kühle Aufnahme gefunden.

Die jüngsten Ereignisse haben manchen Leuten in Argentinien klargemacht, daß die Hoffnung, alle Schwierigkeiten durch Dollaranleihen zu lösen, eine gefährliche Illusion war und daß die sorgsame Pflege der traditionellen Handelspartner in Europa das Hauptziel der Wirtschaftspolitik bleiben muß. Wenn diese Einsicht sich verallgemeinert und in Taten umgesetzt wird, lassen sich weitere Schäden für die argentinische Wirtschaft noch vermeiden. Wir unterstützten die enttäuschten afrikanischen Frager auf der Pressekonferenz, indem wir dem Minister den konkreten Vorschlag machten, die Bundesrepublik solle die Erschließung der immensen südafrikanischen Kohlenlager finanzieren und damit die Alternative für die deutsche Energiewirtschaft erschließen. DieKohle kostet hier freiZeche den Gegenwert von sechs DM je t, was gegenüber den Preisen für nordamerikanische Kohle wie ein Märchentraum anmutet. Doch auch dieser Verlockung gegenüber blieb der Minister seinem Prinzip treu, daß nämlich der deutsche Staat es ablehnen müsse, als Unternehmer aufzutreten, sowohl im Inlande wie in Übersee.

Aber er fand auch Worte des Trostes: Der Unternehmungsgeist der deutschen Privatwirtschaft sei groß, und die Devisendecke der Bundesrepublik sei noch größer. Da die Südafrikanische Union eine starke wirtschaftliche Anziehungskraft ausübe, werde sich ein beachtlicher Teil der deutschen Unternehmerinitiative hierher orientieren, und es gäbe kein gesundes und aussichtsvolles deutschsüdafrikanisches Projekt – und sei es noch so umfangreich –, für das er nicht Devisen zur Verfügung stellen könne und werde. Man hätte in Deutschland auch keine Bedenken, nach Südafrika alle erdenklichen Produktionsmittel zu liefern. Die alte Furcht vor der Konkurrenz sich industrialisierender überseeischer Länder habe man überwunden. Der Gedanke, daß ein gesunder Handelsverkehr nur zwischen Industrie- und Agrarländern im Austausch von Fertigwaren gegen Lebensmittel zustande kommen könne, sei längst als falsch erkannt worden. Im Gegenteil: Die Handelsbilanz zwischen prosperierenden Industrienationen sei immer größer und vielseitiger, als bei einem Austausch von Agrarprodukten gegen Konsumgüter. So freue er sich über die starke Expansion der südafrikanischen Industrie und erwarte davon eine ständige Steigerung des heute schon beachtlichen Warenverkehrs mit Deutschland.

Eine Ferienreise sind diese zehn südafrikanischen Tage für Minister Erhard sicherlich nicht gewesen. Selbst den Anblick von Elefanten, Löwen und Antilopen in freier Wildbahn mußte er über ein Wochenende mit zwei Nächten im Schlafwagen erkaufen. Die Wochentage waren so minutiös in ein Programm eingeteilt, daß ihm so gut wie keine Zeit für irgendwelche privaten Pläne blieb, sollte er so unvorsichtig gewesen sein, solche zu machen. Aber er wird das Gefühl mitgenommen haben, daß er ein junges kräftiges und freundschaftliches Land kennengelernt hat, das abseits der Feuerlinie zwischen Ost und West diese günstige Position nach Kräften und in dem gleichen Geiste nutzt, der das deutsche „Wirtschaftswunder“ geboren hat. Und uns läßt er mutiger und zuversichtlicher zurück, als wir es schon vorher waren...