Obwohl es eine Binsenwahrheit sein sollte, daß die alte und künftige deutsche Hauptstadt, solange sie diese Funktion noch nicht wieder ausübt, als Ersatz für die verlorengegangenen Dienstleistungen eine um so größere leistungsstärkere Industrie braucht, wird die selbstverständliche Folgerung aus dieser Erkenntnis, daß diese Industrie auch entsprechende Aufträge braucht, noch immer nicht überall gezogen. Gerade das nunmehr fortgefallene Notopfer Berlin für natürliche Personen sollte zu Überlegungen anregen, was sich tun läßt, um einen Ausgleich für diese versiegte Quelle zu schaffen, auch wenn sie nur zum Teil dem durch ihren Namen bezeichneten Zweck diente.

Daß derartige Überlegungen zwar noch immer nicht oft genug, aber doch schon häufiger als früher angestellt werden, haben die letzten Wochen gezeigt. Auf einer vom Bundesbeauftragten für die Förderung der Berliner Wirtschaft veranstalteten und von der Berliner Absatzorganisation angeregten Arbeitstagung von über 30 Direktoren und Einkaufsleitern großer bundeseigener Unternehmen haben sich die westdeutschen Gäste vor der allzuoft übersehenen Tatsache überzeugen können, daß es in Westberlin nicht nur einige weltbekannte Großunternehmungen gibt, sondern auch eine Vielzahl leistungsfähiger Mittel- und Kleinbetriebe. Sie verfügen nicht nur über alte Erfahrungen auf speziellen Fertigungsgebieten, sondern nicht selten auch über freie Kapazitäten. Ihnen wollen die Vertreter der Bundesbetriebe künftig zusätzlich ihre Aufmerksamkeit widmen und eine Absatzchance bieten, sofern sie konkurrenzfähige Angebote unterbreiten.

Der Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation AG, der von jeher durch Lieferungen und Bezüge eng mit Berlin verbunden ist, hat als zweites (!) großes Unternehmen der Bundesrepublik einen Gedanken verwirklicht, der offenbar so naheliegt, daß er übersehen wird: er hat eine ganz beliebige Routinesitzung des Aufsichtsrates in Berlin abgehalten. Dessen Mitglieder haben nicht nur die Gelegenheit benutzt, ihren Geschäftspartnern persönlich guten Tag zu sagen – eine sonst gerade im Wirtschaftsleben nicht unbekannte Methode der Kontakterhaltung–, sondern haben auch durch den unmittelbaren Anblick der interessantesten und größten Grenzstadt zwischen Ost und West Eindrücke gewonnen, die nicht nur für ihre geschäftlichen Überlegungen von Wert sein dürften. Wo anders als in Deutschland erlauben sich Hunderte und Tausende maßgeblicher Männer der Wirtschaft, ohne die persönliche Kenntnis ihrer Hauptstadt auszukommen?

Aber auch der Ostasiatische Verein zu Hamburg und Bremen sei erwähnt, der seinen diesjährigen „Diplomatentag“ dazu benutzt hat, um die in Bonn akkreditierten Vertreter der nichtkommunistischen asiatischen Staaten an Ort und Stelle mit den Berliner Problemen vertraut zu machen und dabei nicht zuletzt die beiderseitigen wirtschaftlichen Beziehungen zu vertiefen.

Nichts steht dem entgegen, daß diese und andere Beispiele Schule machen. Sieht man einmal von den wenigen Fällen ab, in denen auswärtige Besucher mit böswilliger Absicht oder in unbelehrbarer Unkenntnis nach Berlin gekommen sind, so ist gerade in den letzten Jahren noch niemand von ihnen ohne bleibende und zum Nachdenken anregende Eindrücke von Berlin geschieden. Nur hier bietet sich die Gelegenheit zu der Erkenntnis, daß es keine Frage der Wohlfahrt, sondern der wirtschaftlichen Vernunft ist, wenn Berlin in seiner Leistungskraft gestärkt wird. G. Gnieser