Das Börsenklima wurde in den vergangenen Tagen allein durch den Gang der politischen Ereignisse bestimmt. Wird von den begrenzten Käufen einiger Investmentgesellschaften abgesehen, die sich zu niedrigen Kursen eindeckten, so kann von einer geordneten Anlagetätigkeit kaum die Rede sein. Das gilt leider auch für den Rentenmarkt, wo nach hoffnungsvollen Ansätzen jetzt wieder eine Stagnation eingetreten ist. Daran wird auch die Möglichkeit nichts ändern, bei der Festlegung einer Sparsumme bis zu 12 000 DM zugunsten des Wohnungsbaues 6000 DM steuerlich absetzen zu können. Durch die Einführung der Höchstgrenze kommen die teilweise bereits zugesagten großen Summen nicht zum Zuge und fallen für den Wohnungsbau aus. Die Hypothekenbanken müssen also ihre Erwartungen, die sie hinsichtlich eines guten Pfandbriefabsatzes bis zur Jahreswende hatten, zurückstecken.

Bei den neuen achtprozentigen Industrieanleihen mußte in der Vorwoche ursprünglich von Ausländern gezeichnetes Material zurückgenommen werden. Da außerdem jetzt feststeht, daß die „Achtprozenter“ nicht in den Genuß der auf drei Jahre herabgesetzten Sperrfrist beim steuerbegünstigten Sparen gelangen, kam es zu Umdispositionen, die nicht ohne Einfluß auf die Kurse der Emissionen blieben. Sie liegen nunmehr zwischen 99 1/2 und 101 H., also immer noch über den Emissionskursen. Die achtprozentige Anleihe der Didier-Werke war natürlich sofort untergebracht. Angesichts der veränderten Lage mußte bei den Länder-Anleihen kurz getreten werden. Die 7 1/2prozentige Hamburger Staats-Anleihe ist noch nicht placiert, so daß die geplanten Anleihen anderer Länder weiter zurückgestellt wurden. In Börsenkreisen wurde der Entschluß Hessens begrüßt, auf eine Anleihe zu verzichten und dafür einen Kredit von 30 Mill. DM vom Bund entgegenzunehmen.

Auf dem Aktienmarkt hat die Börse ihre sonst so lobenswerte Besonnenheit nur während eines Tages verloren, und das war, als die Wiederwahl Eisenhowers feststand und der Waffenstillstand am Suez verkündet wurde. Beide Ereignisse bewirkten einen gründlichen Umschlag der bis dahin gedrückten Tendenz. Es kam zu Kurssteigerungen von zehn und mehr Punkten in den meisten Hauptwerten des Aktienmarkts. Da die Auslandsabgaben und die Verkäufe der nervös gewordenen Kundschaft aufgehört hatten, stieß die Nachfrage der Spekulation auf leere Märkte. Die Banken, die während der schwachen Börsentage einiges Material aufgenommen hatten, um einen überspitzten Kursverfall zu verhindern, schleusten es zu den rapide steigenden Kursen wieder in den Markt ein und bremsten so die ungewöhnliche Bewegung. In den folgenden Tagen war die Börse durch mehr oder weniger große Schwankungen gekennzeichnet. Angesichts der internationalen Spannungen blieben die Märkte weiterhin in einem recht unruhigen Fahrwasser. Festzustellen ist jedoch, daß die gegenwärtigen Aktienkurse nicht weit von ihrem niedrigsten Stand dieses Jahres entfernt liegen, daß also ohne Zweifel die Chancen für eine Aufwärtsbewegung größer sind als umgekehrt und daß vor allem bei steigenden Preisen, die angesichts der Entwicklung auf den Warenmärkten und der verteuerten Schiffsfrachten kaum zu vermeiden sind, der Substanzgedanke bei den Aktien wieder mehr an Bedeutung gewinnt. Es ist eine Erfahrungstatsache, daß bei der Gefahr kriegerischer Verwicklungen zunächst eine Verkaufswelle bei allen Papieren eintritt (man will flüssig sein, um die Dispositionen je nach Lage vornehmen zu können). Dann beginnt jedoch das Suchen nach einer vernünftigen und sicheren Kapitalanlage.

In der allgemeinen Unruhe an den Märkten ist die AEG-Bezugsrechtnotierung ziemlich untergegangen. Als Folge der lebhaften Kursbewegung bei den AEG-Aktien an den drei Notierungstagen (196 – 201 – 198) mußte das Bezugsrecht in seinen Bewertungen ebenfalls schwanken: 21 – 23 1/2 – 22 1/2. Die rechnerische Parität wurde natürlich zu keinem Zeitpunkt erreicht. Immerhin war die Notiz relativ nahe daran. Es mag dahin gestellt bleiben, ob dieses erfreuliche Ergebnis die Folge eines aktiven Eingreifens des Bankenkonsortiums oder einer echten Kaufbereitschaft war, sicher ist, daß der AEG-Aktionär, der nicht von seinem Bezugsrecht Gebrauch machen konnte, vor Schaden bewahrt geblieben ist. Und das ist in dieser Situation schon sehr viel. – Zu größeren Ausschlägen kam es auch bei Siemens (184 – 198–192) und bei den IG-Farben-Nachfolgern. Die IG-Farben-Liquis konnten sich zum Wochenschluß wieder erholen. Maßgebend dafür waren Käufe des nahen Auslands, das sich offensichtlich immer noch von den kommenden internationalen Konferenzen eine Lockerung in den Fragen der Ost-West-Beziehungen und damit auch der deutschen Wiedervereinigung verspricht.

Am Montanmarkt waren die Kursbewegungen weniger stark. Auffällig ist die Schwäche bei RheinstaH, die zeitweilig bis 151 v. H. zurückgefallen waren. Hier scheint man sich Sorgen über das Tempo der künftigen Konzentration zu machen: außerdem wird befürchtet, daß die Verwaltung die Fusionierung mit der Rheinstahl Union nicht im Verhältnis 1 : 1 vornehmen könnte. – Während die meisten Lokal- und Spezialwerte nur geringfügige Veränderungen zu verzeichnen hatten, mußten die Großbankennachfolger erhebliche Schwankungen hinnehmen. Das gilt insbesondere für die Institute der Dresdner und Commerz-Bank-Gruppe.