Von Jürgen Petersen

Am Volkstrauertag, dem 18. (November, gedenken wir der Gefallenen, in unsere Gedanken auch jene einschließend, die soeben in Ungarn gestorben und deren Gräber von sowjetischen Panzern überrollt wurden. Bewahrung der Gräber und Totengedenken ist eins. So berichtet unser Mitarbeiter Jürgen Petersen heute von Eindrücken, Tatsachen und Gedanken, die er von einer Fahrt des „Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge“ durch Frankreich, Belgien, Luxemburg und die Bundesrepublik zu den Gräberfeldern deutscher Soldatenfriedhöfe mitgebracht hat.

Nicht weit von Orleans liegt das Grab des mecklenburgischen Dragoneroberleutnants von 0. Es ist geschmückt mit einem Marmorstein, der eine kurze und merkwürdige Inschrift trägt: „Hier ruhet jemandes Liebling.“ Erst lange, nachdem der Stein gesetzt worden war, wurde bekannt, wer ihn setzte. Es war die junge Komtesse de S., bei der jener Oberleutnant im Quartier gelegen hatte. Heimlich und bei Nacht und ohne, daß man wußte, wer ihr dabei half, verlieh die junge Französin den Grab dieses Deutschen einen Glanz, der bis in die düsteren Tage von heute hineinschimmert. In Lommel in Belgien dagegen liegen 39 500 deutsche Soldaten des letzten Weltkrieges, und das Beinhaus, das breit und ragend auf dem Douaumont lastet, versammelt die Gebeine von über dreißigtausend unbekannten französischen Soldaten, die 1916 in den Kämpfen um Verdun den Tod fanden, und deren Überreste nur nach den Ortschaften geordnet werden konnten, bei denen sie fielen. Die unvergängliche Zärtlichkeit, die das Grab von Orleans einhüllt, und die grauenhafte Anonymität der Massenbestattung moderner Kriege, das sind die beiden Pole, zwischen denen die Frage steht, wie das Grab eines Soldaten beschaffen sein soll..

Es gibt auf diese Frage viele Antworten, die zumeist aus dem irrationalen Bereich des menschliche! Wesens stammen. Der Soldat selbst, sofern er sich über Tod und Grab feste Vorstellungen macht, will dort begraben sein, wo er gefallen ist, das Gesicht zur Front, den Blick – gewissermaßen – gerichtet auf die Landschaft, in der er kämpfen mußte. Selbst das unbestattete Zerfallen, das Wieder-Erde-Werden im Wald, auf Wiesen oder im Wüstensand würde er dem Horror des Massengrabes vorziehen Die Verwandten auch und die Freunde wünscher ihrem Toten einen Platz, der ihm allein gehört und der für sie zum Ort der Erinnerungen und Gedanken wird, zum Platz, an dem sie dieselben Bäume und Hügel sehen können, von denen sie glauben, daß er sie sah, als er fiel, zu einem Ort, an dem sie mit ihm allein sein und seine Stimme wieder hören können.

Alle diese Wünsche, so verständlich sie sind, werden zum Schweigen gebracht von den bitteren Notwendigkeiten, die sich als Folgen der Kriegsführung unseres Jahrhunderts ergeben. In den Kriegen von 1813 und 70/71 war es noch möglich, die Gefallenen fast alle zu identifizieren, in die Heimat zu überführen oder in Einzel- und Gruppengräbern zu bestatten, wenn sie nicht, was damals häufig vorkam, von den kämpfenden Armeen aus Seuchenfurcht verbrannt wurden. Fast alle Gräber dieser Zeit, die meist mit haltbaren Kreuzen aus Eisen besetzt und mit schmiedeeisernen Zäunen eingefriedet sind, hätten die Jahrzehnte gut überdauert, wenn nicht die Besatzungen amerikanischer Panzer, Menschen also, denen damals Frankreich genauso fremd war wie Deutschland, sie als Zeugnisse preußischer Aggressionslust eingeebnet hätten. Dennoch kann man Grabhügel dieser Art in der Gegend der großen Kavallerie-Attacken von Gravelotte, Mars la Tour und Vionville noch in den Wiesen zu beiden Seiten der Landstraßen sehen.

Schon der erste Weltkrieg jedoch brachte in den großen Materialschlachten von Verdun und an der Somme Massengräber der „Tausende“. Daß die Gefallenen zu einem großen Teil später identifiziert und auf großen, noch heute gut erhaltenen Friedhöfen beigesetzt sind, ist dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und den Bemühungen des französischen Ministeriums für Veteranen und Opfer des Krieges zu danken.

Die großen Umbettungsaktionen, die dazu notwendig sind, haben ein noch weit größeres Ausmaß nach dem zweiten Weltkrieg angenommen. Nach beiden Kriegen begannen sie, noch bevor der Volksbund sich helfend und beratend einschalten konnte, durch die rückwärtigen Dienste der alliierten Armeen, die die Gefallenen ihrer Kampfbereiche nach Nationalitäten getrennt auf großen Friedhöfen versammelten. Diesen Maßnahmen liegt die Analogie zu dem Kampf der Seelen über den katalaunischen Gefilden nahe, entsprangen aber nur in den seltensten Fällen Motiven des Hasses oder des Nationalismus. Sie sind hauptsächlich daraus zu erklären, daß man sich in den verschiedenen Ländern im Laufe der Jahre ganz verschiedene Vorstellungen davon gebildet hat, wie Soldatenfriedhöfe aussehen sollen. So setzen zum Beispiel die Engländer ihren Gefallenen keine Kreuze, sondern Stelen, auf denen die traditionellen britischen Regimentsabzeichen das Bild der Inschrift beherrschen. Die Amerikaner wiederum – ihr Friedhof bei St. Avold ist ein hervorragendes Beispiel dafür – lieben es, Tausende von Kreuzen auf den Rasehflächen weithin sichtbarer Höhen in streng. geometrischer Einteilung wie zur Parade aufzustellen. Dagegen bemühen Franzosen und Deutsche sich in hinleben Weise, dem Beschauer der Grabanlagen den tröstlichen Eindruck von Ruhe und Geborgeneit zu geben, wobei die Franzosen im allgemeinen noch Elemente des Pathetischen und Gloriosen, in dem sie Meister sind, hinzufügen.