Von Berliner Museen, von Künstlern, Kunstliebhabern und ihren Sorgen in der alten Hauptstadt / Von Gottfried Sello

Gegenüber dem Flugplatz steht das riesige Luftbrücken-Denkmal, ein steil nach oben schwingender Pfeiler, der in drei schmalen Zinken ausläuft, abstrakte Erinnerung an das Blockadejahr 1948/49. Die Berliner nennen es "Hungerharke", womit nicht nur das Monument nach Form und Inhalt treffend gekennzeichnet ist, sondern auch ihre eigene Mentalität. Das neue Behördenhochhaus am Fehrbelliner Platz mit den hellfarbigen Mosaikwänden von Hermann Kirchberger heißt in ihrer Sprache "Beamtensilo", und die eigenwillig karge Canisius-Kirche "St. Nissen" – wegen ihrer frappanten Ähnlichkeit mit einer überdimensionalen Nissenhütte. Solche Benennungen sind weder überheblich noch kritisch oder abschätzig gemeint, sie sprechen im Gegenteil für die Volkstümlichkeit dieser modernen Werke. Man ist in Berlin aufgeschlossener, vorurteilsloser, weniger konventionell als in anderen deutschen Städten. Hier führt die bildende Kunst kein ästhetisches Inseldasein, der Kunstbetrieb ist lebendiger, weniger snobistisch und weniger saturiert als in Westdeutschland, und noch immer hat das künstlerische Experiment in Berlin seine Chance. Das "Hansaviertel" wird zwar bis zur Internationalen Bauausstellung 1957 nicht fertig werden, aber es ist sicherlich das kühnste Projekt innerhalb des gesamten deutschen Wiederaufbaues. Später als in allen anderen deutschen Städten hat man in Berlin ernsthaft mit dem Bauen begonnen, nicht weil es an Architekten oder künstlerischen Ideen, sondern weil es an Geld fehlte. Aber es scheint sich hier zu bewahrheiten, daß, wer zuletzt baut, am besten baut...

Auf beiden Seiten Bereitschaft zu Risiko, bei den Künstlern und beim Publikum: Im Foyer der neuen Musikhochschule sieht man ein Wandbilc von gewaltigen Dimensionen, das mit einer Breite von 19 m wohl das größte gegenstandslose Gemälde in Deutschland darstellen dürfte. Es stammt von Theodor Werner, einem der repräsentativster deutschen Künstler, dessen Bilder gegenwärtig in Paris und New York gezeigt werden und den die Stadt Berlin jetzt zu seinem 70. Geburtstag zum Ehrensenator ernannt hat. Für den Parkett-Umgang des neuen Schiller-Theaters hat Bernhard Heiliger Relief-Skulpturen geschaffen, die an Kühnheit und künstlerischem Ernst über den dekorativen Anlaß weit hinausgehen. Aber Berlin ist nicht nur ein avantgardistischer Vorposten. Es ist noch immer auf dem Gebiet der bildenden Kunst die eigentliche Hauptstadt Deutschlands.

Berlin ist nicht Paris

Man darf dabei allerdings nicht an jene Ausschließlichkeit denken, mit der etwa Paris Frankreich beherrscht. Die revolutionierenden Entscheidungen der französischen Kunst sind ausnahmslos in den Pariser Ateliers gefallen. Bei uns dagegen war die "Provinz" immer beteiligt: die "Brücke", die Geburt des deutschen Expressionismus ereignete sich in Sachsen, der "Blaue Reiter" begann in München, das "Bauhaus" etablierte sich in Weimar und Dessau. Nur die deutsche Variante des europäischen Impressionismus mit Liebermann, Slevogt, Corinth, Lesser, Ury und allenfalls jene Strömungen eines sozialkritischen Realismus und einer "Neuen Sachlichkeit" in den zwanziger Jahren mit Namen wie George Grosz und Otto Dix, Käthe Kollwitz und auch Zille könnte man als einen spezifisch Berliner Beitrag auffassen. Aber auch in den Biographien vieler anderer Maler und Bildhauer von Rang taucht Berlin auf – nicht als Geburtsstadt, aber als Bewährungsprobe. Seit Herwarth Waldens "Sturm" blieb es Treffpunkt und Sammelbecken der heterogensten Begabungen.

Auch nach 1933, als München zur offiziellen Hauptstadt der Kunst des Dritten Reiches ernannt wurde, blieb Berlin das heimliche Zentrum der verfemten "entarteten" Kunst. Auf geradezu mysteriöse Weise konnten hier die Kontakte zur legitimen Kunst der Gegenwart erhalten werden. Die aus ihren Lehrämtern entlassenen Künstler tauchten in Berlin unter, sofern sie nicht emigrierten, und in den Hinterzimmern der Berliner Galerien, bei Gurlitt, Buchholz, von der Heyde sah man die neuesten Werke auch derjenigen Künstler, die mit einem "Arbeitsverbot" belegt waren. Bei Kriegsende waren eine Reihe der besten deutschen Maler und Bildhauer in Berlin vereinigt. Karl Hofer wurde schon im Juli 1945 zum Direktor der Hochschule für Bildende Künste berufen. Mit ihren vier Abteilungen: Freie Kunst, Architektur, Angewandte Kunst und Kunstpädagogik wurde sie unter Hofers Leitung zum Zentrum im künstlerischen Leben Berlins und zur bedeutendsten unter den neun deutschen Kunsthochschulen. Neben Künstlern von anerkanntem Rang hat er auch unter der jüngeren Generation die wesentlichen Kräfte herausgefunden und an die Schule herangezogen. Besonders bezeichnend für diese den "Richtungen" gegenüber tolerante und nur auf Qualität bedachte Haltung ist die Abteilung für Bildhauerei. Hier wirken neben Richard Scheibe und Renée Sintenis drei führende Bildhauer der jüngeren Generation, Bernhard Heiliger, Karl Härtung und Hans Uhlmann, neuerdings auch Alexander Gonda und Paul Dierkes.

Für den 1955 verstorbenen Karl Hofer veranstaltet die Hochschule in diesen Wochen eine große Gedächtnisausstellung, die anschließend noch in Hofers Geburtsstadt Karlsruhe gezeigt wird. Mit 147 Gemälden aus den Jahren 1901 bis 1955 ist sie umfangreicher als alle früheren Hofer-Ausstellungen, und gerade die zahlreichen Leihgaben vor allem aus Schweizer Privatbesitz geben eine überzeugende Vorstellung von seinem lebenslangen Bemühen, in legendären Zustandsbildern den künstlerischen Ausgleich zwischen der harten Realität und der träumerischen Vision einer unversehrten, klassischen Schönheit zu finden. Die Hofer-Ausstellung ist nur eine, wenn auch die gewichtigste, unter den rund 15 Kunstausstellungen, die gegenwärtig in Berlin zu sehen sind, wobei die ständigen Ausstellungen, etwa im Schloß Charlottenburg und im Georg-Kolbe-Museum, nicht einmal berücksichtigt sind. Ein großer Teil geht auf das Konto der öffentlichen Kunstpflege, die vom "Amt für Kunst" beim Berliner Senat unter der Leitung von Dr. Adolf Janasch dirigiert wird. Aber auch jeder der zwölf Westberliner Verwaltungsbezirke hat sein eigenes Kunstamt, das gelegentlich Ausstellungen arrangiert. Im Kunsthaus am Lützowplatz, Bezirk Tiergarten, sieht man bis Ende November Plastik und Bilder des neunzigjährigen "Sturm"-Veteranen William Wauer, eine verblüffende Sammlung von absurden, mittelmäßigen und großartigen Dingen. Daß die meisten dieser Bezirksveranstaltungen nur lokale Bedeutung haben können, versteht sich von selbst. Eine besonders glückliche Lösung hat Zehlendorf mit seinem "Haus am Waldsee" gefunden. Von den 72 Ausstellungen, die Dr. Skutsch seit 1946 hier zusammengestellt hat, sind viele wegen ihrer künstlerischen Bedeutung durch Westdeutschland gereist, so die Oeuvre-Ausstellungen von Blumenthal, Heldt, Heiliger, Camaro, Bargheer und Trökes. Auch die beiden führenden Berliner Künstlervereinigungen, die 1949 gegründete "Berliner Neue Gruppe" und "Der Ring" von 1951 haben sich im "Haus am Waldsee" der Öffentlichkeit präsentiert.