Erzählung von Rolf Becker

Als ich zum erstenmal hörte, Tante Elvira würde uns besuchen, dämmerte mir, ich hätte einmal gehört, vom Vater oder von der Mutter, daß die Tante Sängerin war. „Sie soll eine wundervolle Stimme gehabt haben“, sagte mein Vater beim Mittagessen. Die Karte aus Rom, auf der sie ihren Besuch ankündigte, lag neben seinem Teller, und er schaute ab und zu auf sie herab, meistens schüttelte er leicht den Kopf dabei, erstaunt, belustigt und auch schon ein wenig tadelnd. „Verrückte Idee“, sagte meine Mutter, „sie muß doch mindestens 60 Jahre alt sein.“ „Ja“, sagte mein Vater, „tj–tj...“ – „Wo hat sie bloß das Geld für die Reise her!“ sagte meine Mutter. Mein Vater zuckte die Achseln.

Nachmittags war Vater im Sender, und ichfragte Mutter über Tante Elvira aus, das heißt, ich wollte es, aber ich bekam nur wenige Antworten, und schließlich wurde ich sogar verwiesen: „Nun laß mich endlich in Ruhe, ich weiß auch nicht mehr über diese komische Tante, da mußt du schon deinen Vater fragen.“ Bis es Samstag wurde – der Tag von Tante Elviras Ankunft – fiel meinem Vater noch dieses und jenes über sie und ihr Schicksal ein; bis es Samstag wurde, hatte auch ich noch einiges von dem, was Vater wußte, in Erfahrung gebracht. Ein Photo von ihr fand sich trotz angestrengten Suchens nicht. Dies aber wußte ich über sie, ehe sie eintraf: Sie war nicht richtig meine Tante oder die Tante des Vaters, sondern über eine Kusine des Vaters, die in Italien Elviras Bruder geheiratet hatte und später mit diesem nach New York ausgewandert war, mit uns verwandt, soweit man das noch verwandt nennen konnte. Sie war ein altes Fräulein, ziemlich häßlich und sehr klein; deshalb blieb ihr, trotz ihrer tatsächlich wunderschönen Stimme, der ersehnte Zugang zur Opernbühne versperrt, und auch als Konzertsängerin war sie wohl nicht sehr erfolgreich, doch war das einer der Punkte, worüber wir noch nicht genau Bescheid wußten. Sie war wohl auch unbemittelt, wenn nicht sogar arm. Sie lebte allein in Rom. Meine Mutter sprach in einem mehr spöttisch-verächtlichen, auch leicht verärgerten Tonfall von dem bevorstehenden Besuch, meine Schwester war uninteressiert. Ich aber hatte meine eindeutige, in gewissem Sinne trotzige Zuneigung bereits gefaßt und wie einen Scheinwerferkegel erwartungsvoll auf die Tür gerichtet, durch die binnen kurzem Tante Elviras Auftritt erfolgen mußte. Es wurde das Problem diskutiert, wo die Tante unterzubringen sei. Schließlich entschied man, daß sie in meinem kleinen Zimmer, das außerhalb unserer eigentlichen Wohnung im Halbstock lag, untergebracht werden und ich statt dessen auf der Couch im Wohnzimmer schlafen sollte. Diese Regelung stimmte mich aus Gründen, die ich nicht durchschaute, sehr froh.

Dann jener Samstagnachmittag! Wir hinter der Gardine, zur Straße hinunterschauend, wo das Taxi hielt, der Chauffeur die Tür öffnete, zwei dünne Beine in schlaff sich ringelnden Seidenstrümpfen, mit seltsam hoch über die Fesseln hinaufreichenden Schuhen, und dann die Spitze eines Schirms sich aus dem Auto herausschoben, schließlich die ganze kleine, lächerliche, armselige Gestalt, in lächerlich buntgestückelter Garderobe, mit dem lächerlich auffälligen, unmöglichen Hut auf dem Kopf – dieser Kopf, noch hatten wir ihn nicht nah gesehen, aber wir sahen schon die Form der Nase, ihre Größe! – und dann der Vater, dahinter aus dem Auto steigend, in jeder Hand einen kleinen, mit Kordel verschnürten Koffer, die Hände mit den Koffern ergeben herunterhängend und flüchtig-verlegen zu unserem Fenster hinaufsehend mit einem Blick, der hinter schwachem Lächeln um Entschuldigung zu bitten schien. Rasch sah er auch in die Runde – ich begriff: es wäre ihm unangenehm gewesen, wenn zu viele Nachbarn zugeschaut hätten.

Ich glaube, Elvira überschüttete uns gleich mit einem förmlichen Schwall von Verwandtschaftlichkeit, mit Liebe und Dank und „Ich bin ja so glücklich, bei euch zu sein“. Ständig bedankte sie sich bei uns, die wir noch gar nichts für sie getan hatten, eben darum aber nun zu ahnen begannen, daß wir noch allerhand würden für sie tun müssen.

Zunächst einmal wurde dieses Tun allerdings mehr in Form von Erdulden uns abgefordert. Wir mußten ihre Häßlichkeit ertragen und die altmodische Dürftigkeit ihrer Garderobe. Meine Mutter und vor allem meine Schwester litten sehr darunter. Beide legten viel Wert auf ein angenehmes Äußeres, und meine Schwester war, was sie selbst betraf, gerade damals besonders daran interessiert, weil sie eine neue Bekanntschaft gemacht hatte. Langatmig und überschwänglich – so erzählte die Tante, doch diese Art ihres Sprechens, verworren dazu, war nicht das einzige, was wir zu ertragen hatten. Merkwürdige Eßgewohnheiten, ein leises, unangenehmes Geräusch, das ihr Atem verursachte, die Angewohnheit, im Gespräch des anderen Hand – unsere Hände – zu ergreifen, festzuhalten und zu drücken, das nächtliche wie – derholte Aufsuchen der Toilette – sie litt an Schlaflosigkeit – ihr gebrochenes Deutsch, die falschen Worte, die falsche Grammatik, ihre Langsamkeit im Verstehen und Begreifen dessen, was wir sagten ... Wenn ich ehrlich sein soll, muß ich zugeben, daß auch mir die Tante manchmal etwas auf die Nerven ging, aber ebenso ehrlich kann ich versichern, daß die gewisse Freude, die ich insgeheim beim Anblick der Übellaunigkeit und Verärgerung meiner Familie empfand, jene eigene Nervosität bei weitem überwog.

Am Sonntag nach dem Mittagessen weinte sie zum erstenmal, und am Sonntag hat sie auch zum erstenmal von jenem Plan und jener Bitte an uns gesprochen, die wahrscheinlich von Anfang an der einzige Grund ihrer Reise waren und die jetzt, als sie sie zum erstenmal äußerte, meinen Eltern einen schockierenden Schrecken einjagten. Sie weinte, als sie von ihrer Armut erzählte und von ihrer Einsamkeit in Rom, in dem großen, schlechten Zimmer, in dem großen, lärmerfüllten Haus, unter rücksichtslosen, meistens jüngeren Menschen, ohne Hilfe, ohne Freunde.