Von Walter Abendroth

Was weiß der Leser heute noch von Ludwig Thoma? Etwa dies: daß er ein bayerisches Urviech war, das, mitsamt seiner Leidenschaft für Knallerbsen, von Meister Olaf Gulbranson so großartig karikiert wurde; daß er die berühmten „Lausbubengeschichten“, den „Postsekretär im Himmel“ und die Filser-Briefe geschrieben hat; daß er ein prominenter Mitarbeiter des alten „Simplizissimus“ war und daß man als Sommergast in einem oberbayerischen Kurort eventuell auf dem Bauerntheater noch ein Stück von ihm wie „Die Lokalbahn“, „Moral“ oder „Erster Klasse“ zu sehen bekommen kann. Der pauschale Befund lautet demnach: humoristischer bayerischer Heimatschriftsteller.

Nun – das wäre auch schon was. Aber es ist zuwenig, was diese Einschätzung der Wirklichkeit. gegenüberstellt. Zuwenig selbst innerhalb des Rahmens. Denn auch da schon geht Thomas Bedeutung über die eines (wennschon besonders ergiebigen) Falles unter anderen Fällen hinaus. Er ist da nichts Geringeres als der Klassiker des bayerischen Idioms, wie etwa Fritz Reuter der des mecklenburgischen oder Klaus Groth der des holsteinischen Platts. Das ist die erste Tatsache, von der man sich überzeugt, wenn man jetzt die schöne Gelegenheit hat, sein literarisches Lebenswerk in aller Gemächlichkeit zu rekapitulieren. Denn nach fünfzehn Jahren zum ersten Male wieder gibt es:

Ludwig Thoma: „Gesammelte Werke.“ Neue, erweiterte Ausgabe in acht Bänden. Einführung von Johann Lachner, Redaktion Albrecht Knaus. Gesamtumfang rund 4000 S. Verlag R. Piper & Co., München. Leinenausgabe 130,–, Vorzugsausgabe in Halbleder 160,–, Luxusausgabe in Ganzleder 260,– DM.

Gegenüber der früheren Werkausgabe sind in der vorliegenden neu: eine große Anzahl von Gedichten, Aufsätzen und Tagebuchblättern, ein Lustspiel „Witwen“, eine „Autobiographische Skizze“, „Berliner Eindrücke“ und andere kleine Prosastücke.

Überschlägt man das Ganze, so ergibt sich – den behaglichen Humoristen einmal beiseite gelassen – ein aufschlußreiches Doppelbildnis: ein politischer Satiriker und ein echter, bedeutender Dichter. Deutlich unterscheiden sich hier: ein Thoma, der bewußt für den Tag geschrieben hat, und einer, der als unabhängiger Künstler einem elementaren Erfindungs- und Gestaltungsdrange gehorchte. Daß übrigens auch von seiner Tagespolemik manches noch heute – oder heute wieder – aktuell ist, liegt wohl an der Unveränderlichkeit gewisser Zustände und Erscheinungen; die jemals grundlegend verwandeln zu können ein schöner Aberglaube politischer Idealisten bleibt, weil sie tief in der menschlichen Natur begründet sind. Die unermüdlichen Attacken gegen „Thron und Altar“ (gewiß, gemeint sind nur die allzumenschlichen Schwächen ihrer Repräsentanten) berühren uns heute durchaus antiquarisch, nachdem wir Banditenthron und Filmstaraltäre erlebt haben und der Standesdünkel sich lediglich auf eine andere Schicht verlagert hat...

Neben den durchaus antiquierten und den stofflich aktuell gebliebenen Satiren gibt es, besonders unter den gereimten, freilich viele, die ihre Frische bewahrt haben bloß durch den Reiz ihrer „Masche“, durch ihren eigentlichen Kunstwert; so wie das ähnlich bei Heinrich Heine der Fall ist. Noch mehr bezeugen den Dichter, den mit unvermuteter Zartheit fabulierenden Künstler lyrischer Kostbarkeiten, wie etwa die große Versdichtung „Heilige Nacht“. Auch nicht wenige der unzähligen kleinen Erzählungen lassen den Duft einer fein besaiteten Poesie, allerdings stets masculini generis, verspüren.