Obwohl viele Hausfrauen – als sich die Krise in Ägypten und Ungarn ihrem Höhepunkt näherte – einen besorgten Blick in die Speisekammer und in den Kleiderschrank geworfen haben, ist es in der Bundesrepublik zu keinen nennenswerten Angstkäufen gekommen. Der deutsche Verbraucher hat sich besonnener erwiesen als etwa die Schweizer Bevölkerung, die allerdings zu einer bestimmten privaten Vorratshaltung verpflichtet ist und sich jetzt an diese Auflage erinnerte. Infolgedessen war bei den Eidgenossen hier und da ein Sturm auf die Einzelhandelsgeschäfte zu beobachten. Natürlich macht eine solche Bewegung nicht völlig an den Grenzen halt, und deshalb blieb es auch nicht aus, daß in Süd- und Westdeutschland etwas plötzlich die Speisekammerbestände aufgefüllt wurden. Man kaufte Speiseöle, Palmin und andere haltbare Fette. Wegen der massiven Nachfrage gab es örtliche Verknappungen, und als deren Folge Preiserhöhungen. Übrigens fand auch Seife einen lebhafteren Absatz als sonst. Auf diese Weise kamen der Einzelhandel und die einschlägige Industrie zu einer unverhofften Umsatzsteigerung.

Ein besonders geschäftstüchtiger Unternehmer glaubte, die sich plötzlich bietende Chance noch ausweiten zu müssen und verschickte – wie die Handelskammer Hamburg erfuhr – in aller Eile Werbebriefe, in denen zu lesen stand: „Das Barometer der Außenpolitik zeigt wieder einmal auf Hochspannung. Ein Vergleich mit der Zeit vor dem Ausbruch des Koreakonflikts ist angebracht! Ein gesunder Bestand in krisenfesten Waren hat sich zu allen Zeiten als richtig erwiesen. Dank des sehr breiten Fabrikationsprogramms unseres Werkes gerade in solchen Artikeln sind wir in der Lage, Sie zur Zeit noch zu außerordentlich günstigen Bedingungen zu beliefern ...“ Hier wurde also versucht, mit der Angst ein Geschäft zu machen. Warum, so fragen wir diesen „smarten“ Kaufmann, hält er seine krisenfesten Waren nicht zurück, wenn er doch so sicher an Versorgungsspannungen und Knappheit glaubt? Ließen sich doch, käme es tatsächlich zu einer Versorgungskrise, mit solchen Waren sicherlich später noch bessere Geschäfte machen...

Natürlich haben – genau wie die Hausfrauen – auch die Industriebetriebe und vor allem die Erdölgesellschaften ihre Vorräte unter dem Gesichtspunkt prüfen müssen, wie sich eine längere Unterbrechung des Suezkanals bei ihnen auswirken wird. Übereinstimmend gehen die Ergebnisse dahin, daß zwar gewisse Stockungen kaum zu vermeiden und daß angesichts der unruhigen Preisbewegungen auf den Weltwarenmärkten und der höheren Frachtraten Verteuerungen wahrscheinlich sind. Ein echter Mangel wird jedoch durch die Umfahrt um Afrika nicht entstehen. Es sei denn, die Bevölkerung würde alle sorgsam aufgestellten Berechnungen durch massierte Angstkäufe über den Haufen werfen. Und dafür fehlen zum Glück jegliche Anzeichen.

Die Mehreindeckungen bei Schuhen fallen nicht ins Gewicht; der Textileinzelhandel, dessen Wintersaison befriedigend anläuft, hat von einer ungewöhnlichen Geschäftsbelebung noch nichts verspürt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, verhielten sich auch die Kraftfahrzeugbesitzer völlig normal. Die breite Masse aller Treibstoffverbraucher fällt für eine Hamsterwelle ohnehin aus, weil es ihr an Lagerungsmöglichkeiten für den Kraftstoff fehlt. Eine Reihe europäischer Staaten hat vorsorglich Maßnahmen für eine schnelle Einführung der Rationierung getroffen. In Holland liegt ein Rationierungsgesetz für den Fall eines zu schnellen Absinkens der Vorräte griffbereit.

In der Bundesrepublik ist eine kontinuierliche Versorgung der Verarbeitungswerke mit Rohöl für etwa 16 Tage sichergestellt. Damit hoffen die großen Erdölgesellschaften Spannungen überbrücken zu können, so daß die Einführung einer Rationierung vorläufig nicht unmittelbar in Aussicht steht. Natürlich macht man sich im Bundeswirtschaftsministerium Gedanken für den Fall, daß sich die Versorgungslage zuspitzt. Für eine zwangsweise Einschränkung des Verbrauches fehlt jedoch zur Zeit noch die gesetzliche Grundlage. Aber die Gefahr weiterer Preiserhöhungen beim Treibstoff und auch beim Heizöl ist angesichts der höheren Seefrachten und Chartergebühren (das Dreifache des Normalsatzes) nicht von der Hand zu weisen. Beim Heizöl wollen die Erdölgesellschaften eine Priorität für die alten Kunden schaffen, während bei Neubestellungen Zurückhaltung geübt wird. Jetzt macht sich der Abschluß langfristiger Lieferverträge bezahlt.

Zu Vorsorgekäufen größeren Stils ist es eigentlich nur bei den Goldmünzen gekommen. Für das 20-Mark-Stück werden bereits 48 DM gezahlt, während es noch Ende Oktober zu 45 DM erhältlich war. Trotz dieser scharfen Verteuerung hielt die Nachfrage an. Ein Teil der Banken sah sich über Nacht ohne Vorräte, weil der Nachschub aus der Schweiz den Bedarf nur ungenügend deckte. Die Interessenten machten auch keine Preisunterschiede mehr für „echte“ Münzen und für Nachprägungen, die zwar den gleichen Goldgehalt haben, aber bislang mit einem Abschlag von etwa 5 DM gehandelt worden sind.

Wir können recht befriedigt sein, daß es „nur“ auf dem Goldmünzenmarkt zu echten Verknappungen gekommen ist. Hier ist eine solche Situation keine Seltenheit; denn ein Teil der Bevölkerung hat sich stets, wenn Krisenzeichen am Horizoni erschienen, an die Goldmünzen als eine sichere und bewegliche Geldanlage erinnert. K. W.