Mit der vollkommenen Niederlage hat Japan alle Außengebiete verloren, und es muß nun mit den Möglichkeiten haushalten, die ihm auf den vier Inseln geblieben sind. Das bedeutet Abhängigkeit hinsichtlich der wichtigsten Rohstoffe, das bedeutet Ernährung von 90 Millionen Menschen am kargen, heimatlichen Tisch, das bedeutet Produktion um jeden und für jeden Preis. Bedürfnislosigkeit, Zähigkeit und Fleiß sind dabei wertvollstes Betriebskapital. Als Unterpfand des langsamen, allgemeinen Wiederaufstieges sind die Tugenden der Not unschätzbar.

Tokio, Anfang November

Das wirtschaftspolitische Ziel Japans ist es, das seinerzeit imperialistisch eroberte Terrain im asiatischen Raum, das durch ein militärpolitisches Hasardspiel verlorenging, mit friedlichen Mitteln für den Handel und Warenaustausch wiederzugewinnen. An die Stelle des machtpolitischen Einflusses soll die handelspolitische Zusammenarbeit treten. Das ist eine friedliche Wiederbelebung der „ostasiatischen Prosperitäts-Gemeinschaft“, der Organisation, die Japan für die Zusammenarbeit asiatischer Nationen während des Krieges geschaffen hatte.

Dieses Ziel wird konsequent angegangen. Handelsmissionen und Warenausstellungen wurden und werden in alle Gebiete des asiatischen Raumes entsandt. Von Bangkok bis Karatschi, von Rangoon bis Djakarta begegnet man allenthalben der ungeheuren Aktivität der Japaner. 80 v. H. aller Fluggäste von Tokio bisKaratschi sind Vertreter Nippons. Sie unternehmen im allgemeinen keine Vergnügungsreisen, in ihrem Gepäck sind vielmehr Warenproben und Preislisten. In ihren Diplomatentaschen befinden sich Vorschläge für Handelsverträge. Die Unterstützung des selbständigen Aufbaues der neuen, unabhängigen Staaten Asiens gilt ihr besonderes Augenmerk. Sie unterbreiten Ideen für planvolle Zusammenarbeit.

Ein langes Gespräch mit einem der verantwortlichen Leiter der japanischen Politik machte den ernsten und gesunden Selbsterhaltungstrieb in diesen Bestrebungen offenkundig. Die Repräsentanten der japanischen Handelspolitik kennen auch die Widerstände und das Mißtrauen, das in einigen der im Kriege besetzten Gebiete überwunden werden muß. Aber die meisten dieser Gebiete sind von den Japanern nicht nur besetzt, sondern auch von den europäischen Kolonialmächten befreit worden. Die „Befreiung“ war relativ, doch sie war zumindest der erste Schritt zur vollkommenen Unabhängigkeit, die nach diesem japanischen Zwischenspiel nicht mehr verweigert werden konnte und die mit Kriegsende überfällig war. Persönlichkeiten, die unter der japanischen Besatzung „nationale Regierungen“ bildeten oder in ihnen mitarbeiteten, sind in vielen Fällen auch mit den führenden Männern des heutigen unabhängigen Staates identisch. Was diese Kreise betrifft, so besteht für die wirtschaftspolitische Zusammenarbeit mit den Japanern kein ungünstiges Klima. Je mehr diese Nationen ihre eigene Kraft entfalten können, um so mehr verlieren sie überkommene Komplexe des verständlichen Mißtrauens. Die Japaner werden sich hüten, neue Antipathien zu erzeugen. Sie werden taktvoll operieren und die von diesen Staaten erwartete Hilfe für den Aufbau des eigenen Landes nutzen, soweit das in ihren Kräften steht.

Das Ziel Japans muß es dabei immer sein, Rohstoffe und Nahrungsmittel gegen japanische Industrieprodukte auszutauschen, und hier ergibt sich ein Spannungsfeld mit europäischen Interessen. Die europäischen Handelspartner von Thailand und Burma zum Beispiel sind in der Regel nicht in der Lage, die Reisproduktion dieser Länder in nennenswertem Umfang zu übernehmen. Es finden wohl mit oder ohne amerikanische Unterstützung gelegentlich Hilfskäufe statt, aber im allgemeinen fällt das Hauptprodukt dieser Länder für den Warenverkehr mit europäischen Handelspartnern aus. Nur das britische Commonwealth hat bisher vermocht, durch Austausch mit anderen Gebieten ihres Einflußraumes größere Anteile an der Reisernte zu übernehmen; Die japanische Aktivität und insbesondere das japanische Angebot, Industriewaren gegen andere Produkte zu liefern, wird deshalb in europäischen und z. T. auch in amerikanischen Wirtschaftskreisen, die in Asien tätig sind, mit Argwohn und teilweise mit starken Befürchtungen beobachtet.

Die japanischen Wirtschaftspolitiker dagegen haben bereits wiederholt erklärt, daß sie in der Förderung und Erschließung des asiatischen Handels gern mit europäischen Ländern, insbesondere aber mit Deutschland zusammenarbeiten würden. Dieser Vorschlag hat bis jetzt wenig Gegenliebe gefunden. Aber auf die Dauer wird es unumgänglich sein, mit Japan, zu einer freundschaftlichen Übereinkunft zu gelangen und die japanischen, die amerikanischen und die europäischen Wirtschaftsinteressen in Asien wenigstens in großen Zügen aufeinander abzustimmen.

Mit der Feststellung mangelnder Konkurrenzfähigkeit japanischer Produkte ist es nicht getan. Sie ist relativ und gilt auch nur für einige hochqualifizierte Warengruppen. Wer morgen noch im Geschäft bleiben will, muß es heute vorbereiten Vor allem aber, er muß neue Ideen vertreten, auch neue Ideen der künftigen handelspolitischen Zusammenarbeit. J. F. G. Großer