Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Auseinandersetzung zwischen zaristisch-russischem und britischem Imperialismus in Afghanistan drohte, war es für die Engländer wichtig, die Provinz Sindh (heute das Kerngebiet von Pakistan) zu beherrschen. Also wurde sie von englischen Truppen besetzt. Der englische General Napier, der die Operation leitete, sagte damals: „Wir haben kein Recht, Sindh zu besetzen. Wir werden es aber trotzdem tun, und diese Schurkerei ist zugleich vorteilhaft, nützlich und human.“

Als humane Schurkerei war auch die Besetzung des Suezkanals durch britische Truppen gedacht. „Was die Regierung jetzt tun muß, wird sehr unpopulär sein“, sagte mir ein Mann, der dem britischen Verteidigungsministerium nahesteht, wenige Tage vor dem englischen Ultimatum an Ägypten. Mit Unpopularität hatte das Kabinett Eden für den „kurzen, sauberen Schlag“ gegen Ägypten, wie er auch von einem bestimmten, in großen Traditionen befangenen Teil der Armee propagiert wurde, gerechnet. Die Reaktionen aber nahmen unvorhergesehene Ausmaße an – was nicht nur damit zusammenhängt (einige Militärs vertreten diese Ansicht), daß der Schlag gegen Ägypten nicht ganz so „kurz“ und nicht ganz so „sauber“ geführt werden konnte, wie man sich das vorgestellt hatte und wie es dem britischen Verteidigungsminister Anthony Head versprochen worden war, als er kurz vor dem Losschlagen sich noch einmal persönlich in die „Ausgangsstellung“ Zypern begab.

Unpopulär war die ägyptische Aktion der britischen Regierung gewiß. Wenn sie jedoch nur das gewesen wäre, könnte man, sobald die Ruhe einigermaßen wiederhergestellt ist, zur Tagesordnung übergehen. Denn jede Regierung wird vor die Notwendigkeit gestellt, unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen; und wenn sie – wie die derzeitige konservativeRegierungGroß- britanniens – eine solide Mehrheit im Parlament besitzt und bis zu den nächsten Wahlen noch drei Jahre Zeit hat, dann braucht sie unpopuläre Maßnahmen nicht zu scheuen. In der Tat wird in Edens Umgebung, wird von dem „loyalen Teil“ der englischen Presse (dem inzwischen von den großen Zeitungen nur noch Daily Telegraph, Daily Express und Sunday Times ganz zuzuzählen sind), wird auch von einem nicht zu unterschätzenden Teil der englischen Öffentlichkeit die Situation genau so gesehen. Man spricht unbefangen und in bestem Glauben von dem Dienst, den England der nicht-komunistischen Welt dadurch erwiesen habe, daß es sich „stark“ zeigte.

Es gibt Argumente für diese Auffassung. Sie entstammen einer bewährten Tradition von „Realpolitik“, und die zugrundeliegenden Absichten sind höchst ehrenhaft. Nur: diese Art von Realpolitik und die Ehrenhaftigkeit der humanen Schurkereien sind – und das ist das wirklich Entscheidende – von gestern, von gestern auch dort, wo die Vergangenheit so weit in die Gegenwart hineinragt wie in England.

Es ist durchaus möglich, daß die akute Krise in England vorübergeht; es ist aber nicht möglich, daß sie spurlos vorübergeht. Die Rechnung wird präsentiert werden, und auf der Debet-Seite stehen als gewichtige Posten: 1. unschätzbarer Verlust an moralischem Prestige; 2. Schaffung eines für den östlichen Imperialismus nützlichen Präzedenzfalles; 3. Entfremdung der Commonwealth-Staaten untereinander; 4. schwere Belastung der ohnehin nicht sehr stabilen Sterlingwährung. Und während die Partei Edens den Anspruch erhebt, durch ihr Eingreifen im Nahen Osten dem Vordringen des Kommunismus im arabisch-afrikanischen Raum Einhalt geboten zu haben, wird mit besseren Argumenten die gegenteilige Auffassung vertreten: daß die englisch-französischen Bomben dazu angetan waren, die Ägypter und alle, die sich in einer solchen Situation mit ihnen solidarisch fühlen, gerade in die Arme des Kommunismus zu treiben.

Die Aktion der britischen Regierung hat alle diejenigen verletzt, die in der Schaffung einer verpflichtenden Rechtsordnung die einzige Chance für das Überleben unserer Zivilisation sehen. „Wir müssen eine klare Entscheidung treffen“, sagte der Engländer Bertrand Russell, „zwischen Vernunft und Tod. Und unter Vernunft verstehe ich hier die Bereitschaft, sich einem von internationaler Autorität erlassenen Gesetz zu unterwerfen. Ich fürchte, die Menschheit wählt den Tod. Ich hoffe, daß ich mich irre.“

Demnach war der englische Angriff auf Ägypten, war auch das englische Veto in den Vereinten Nationen unvernünftig, töricht, ein Schritt dem Tod entgegen. Bertrand Russell hat sich nicht gescheut, das zu bestätigen. Aber er war nicht der einzige. Besonders anschaulich wurde die Torheit britischer Machtpolitik von Hugh Gaitskell demonstriert, der während der letzten beiden Wochen für mehr Menschen gesprochen hat (und nicht nur für Engländer) als je zuvor in seiner politischen Karriere. Das Recht des Starken herrscht im Dschungel. ’„Und in diesem Dschungel“, sagte Gaitskell, „gibt es heute-größere Bestien als Großbritannien.“