Der Verrat an der olympischen Idee

In wenigen Tagen, am 22. November, werden die XVI. Olympischen Spiele in Melbourne ihren Anfang nehmen. Sie stehen unter keinem glücklichen Stern. Vom olympischen Frieden sind wir nach den blutigen Ereignissen in Ungarn und in Ägypten weit entfernt. Auch die Front der Sportler hat sich gespalten. Ein Teil fordert die Absage der Spiele, der andere meint, daß man nun gerade erst recht alles tun müsse, sie zu stützen und weiter auszubauen. Denn wie will man, so fragen sie, den Weltfrieden sichern, wenn er nicht auf Freundschaft der Jugend gegründet und diese wieder durch gegenseitiges Sichkennenlernen und gegenseitige Achtung aufgebaut wird?

Beide Argumente haben im ersten Moment etwas für sich. Man kann die Niederlande, Spanien, die Schweiz und den Irak verstehen, die es „für unerträglich halten, nach dem brutalen Vorgehen der Sowjetunion in Ungarn (und, so fügen wir hinzu, der Briten, Franzosen und Israelis in Ägypten) mit sowjetischen Sportlern, beim friedlichen Wettstreit zusammenzutreffen“. Auf der anderen Seite scheinen diejenigen recht zu haben, die sagen, nichts würde besser werden, dadurch, daß man die Spiele ausfallen ließe und auf eine sonnigere Zukunft warte. Aber sie sagen auch, der Sport stünde außerhalb der Politik. Nun, wie ist es damit?

Die Politik hat schon oft auch in den Sport hinübergegriffen. Es hätte jedoch den Weg gegeben, daß das Internationale Olympische Comité (IOC), nachdem die Aggressoren selbst nicht so viel Scham aufgebracht haben, dem Fest der Jugend diesmal besser fernzubleiben, von sich aus die vier Länder ausschloß, natürlich auf die Gefahr hin, den Kämpfen einen erheblichen Teil ihres Glanzes zu nehmen, Aber was hätte das schon geschadet? Das IOC hätte sich dabei sogar auf ein klassisches Beispiel berufen können. Gewiß sagte der alte Vertrag der Griechen nur: „Olympia ist ein heiliger Ort. Wer es wagt, diese Stätte mit bewaffneter Macht zu betreten, wird als Gottesfrevler gebrandmarkt. Ebenso gottlos ist jeder, der, wenn es in seiner Macht steht,“ eine solche Untat nicht rächt.“ Daß man darüber hinaus aber jeden ächten wollte, der überhaupt nur während der Zeit des olympischen Friedens sich kriegerisch betätigte, beweisen uns die Spiele der 90. Olympiade im Jahre 420 v. Chr. Die Lakedämonier wurden damals von den Eleern nicht zugelassen, weil sie in den Tagen des Friedens Phykros angegriffen und ihreHopliten nach Lepron geschickt hatten. Die Organisatoren der Spiele der XVI. angegriffen moderner Zeitrechnung konnten sich, obwohl sie so gern den Geist Griechenlands zitieren, zu ähnlichem Entschluß nicht aufraffen. Obwohl in den Jahren 1920 und 1924 die Deutschen und 1948, drei Jahre nach Kriegsende, Japaner und Deutsche ausgeschlossen wurden.

Übrigens hätte Avery Brundage, der Präsident des IOC, gute Gründe gehabt, die Olympischen Spiele ganz abzusagen: Australien hat sich an die Seite Englands im Suezkonflikt gestellt und scheint nicht gerade würdig als Ort der Friedensspiele. Aber er nannte andere Argumente: Die Olympischen Spiele seien keine Angelegenheit der Völker sagte er, sondern auf ihnen träfen sich die Sportsleute aus aller Welt lediglich als Einzelkämpfer, gleich welchen Landes Bürger sie seien. Der Kanzler des Internationalen Olympischen Comités, Otto Mayer, hat sogar erklärt, die Schweiz als ein neutrales Land gäbe mit ihrer Absage ein schändliches Beispiel politischer Beeinflussung. Diese Erklärungen überzeugen nicht, solange die Teilnehmer an den Wettbewerben im olympischen Eid auch schwören müssen, daß sie „zur Ehre ihres Vaterlandes kämpfen“; schließlich wird bei den Siegerehrungen gemäß dem Reglement der Spiele noch immer die jeweilige Landesflagge gehißt und die Nationalhymne gespielt. Auch hat sich noch kein Olympiateilnehmer je als etwas anderes denn als ein offizieller Vertreter seines Volkes gefühlt, und so wird es immer bleiben.

Klar wird auch gesagt, es solle niemand ungarischer als die Ungarn sein, die gemeinsam mit ihren Unterdrückern in die Arena einziehen werden. Aber sind die ungarischen Sportler in Melbourne überhaupt noch Herren ihrer Entschlüsse? Sind sie Angehörige oder Gegner des derzeitigen Regimes? Werden Sie womöglich die Gelegenheit zu politischen Demonstrationen in Melbourne benutzen? Man muß mit Überraschungen rechnen, und olympische Tumulte sind nicht ausgeschlossen. Sofort bei ihrer Ankunft in Melbourne protestierte die ungarische Mannschaft gegen die Fahne mit Hammer und Sichel im Olympischen Dorf und verlangte ihre Nationalfahne ohne Sowjetembleme.

Wir haben es schon einmal erlebt, wie die glänzende Fassade Olympischer Spiele (1936) grauenvolle Untaten verbarg und die Menschheit über das wahre Sinnen und Trachten gewissenloser Staatsmänner täuschte. Auch dies ist heute noch unvergessen.