Ganz unmißverständlich geht aus Statistiken, die seit nahezu fünfzig Jahren in allen zivilisierten Ländern der Erde über Geburt und Tod der Menschen geführt werden, hervor, daß die Todeshäufigkeit in den Monaten Februar-März am dichtesten ist. Deutlich sinkt die Sterblichkeit in den Sommermonaten ab. Auch der Winter und der berüchtigte Herbst zeigen keinen wesentlichen Anstieg der menschlichen Todesfälle an. „Der März ist der Töt’er der Menschen“ heißt eine alte Bauernregel.

Frischvitaminmangel der winterlichen Nahrung, Minderung der Abwehrkräfte, Erhöhung der Infektionsgefahr durch vermehrtes Stubenhocken und sinkende Temperaturen, abgeschwächte Einstrahlungen aus dem Weltenraum, meteorologische Schwankungen des Luftdruckes und der Luftfeuchte, all das ist in Thesen und Theorien, in Experimenten und Untersuchungen immer wieder zur Erklärung der gesteigerten Frühjahrssterblichkeit herangezogen worden. Man sollte aber vielleicht einmal eine Bilanz zivilisierter menschlicher Lebensweise aufstellen, man sollte die Ein- und Ausgabe von Energie, den Kraftverbrauch und die Restaurationsmöglichkeiten nachrechnen, vielleicht kommt man dann einer Erklärung näher, warum wir gerade in den ersten Monaten des Jahres so oft an der Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit, zwischen Krankheit und Tod stehen.

Energieausgabe und der Kraftverbrauch sind – so kann man im allgemeinen annehmen – im Sommer und Winter gleich, wenn man berücksichtigt, daß ein möglicher winterlicher Mehrverbrauch wegen der Kälte durch Heizung und wärmere Kleidung kompensiert wird. Und die Restauration, der Aufbau der Kräfte? Das scheint doch zunächst ein vollkommen automatisch ablaufender Prozeß zu sein, um den man sich nicht zu kümmern braucht! Man merkt nichts davon, jedenfalls so lange nicht, wie sich Einnahme und Ausgabe die Waage halten. Erst wenn die Ausgabe größer ist als die Zufuhr, spürt man, daß der Aufbau der Kräfte nachläßt. Man wird nervös, abgespannt, leistungsunfähig. Man ist nicht gut gestimmt, schläft schlecht, fühlt sich nicht wohl und ist anfällig gegen alle Infektionen. Zweifellos kommt uns der mangelnde Aufbau an Energie und Kräften in den Wintermonaten häufiger und deutlicher zum Bewußtsein.

Weshalb eigentlich, wo wir uns doch im Sommer und im Winter in gleicher Weise von Kohlehydraten, Eiweiß, Fett, mit Vitaminen, Spurenstoffen und was sonst noch zu einer vollwertigen Kost gehört, ernähren? Weshalb klappt es mit der Erneuerung der Kräfte im Winter schlechter als im Sommer? Essen und Trinken sind eben nicht die einzigen Kraftstoffquellen des menschlichen Organismus. Selbst eine nach den weit fortgeschrittenen Erkenntnissen der Ernährungsphysiologie gewissenhaft eingerichtete Ernährung reicht allein nicht aus, um den Menschen voll leistungsfähig zu erhalten. Denn der Organismus braucht zu seiner Regeneration Licht, Luft, Sonne und Zeit. Durch die Atmung wird ein Quantum an Energie gewonnen, das man nicht unterschätzen sollte. Licht und Sonne sind nötig zur Synthese von Vitaminen in der Haut und als kräftigender Reiz. Die Zeit spielt ungefähr die Rolle eines Katalysators: Ein Nichts und dennoch läuft ohne dieses Nichts die Reaktion nicht ab. Außer der Ernährung gibt es also eine Reihe anderer Kraftquellen menschlicher Leistungsfähigkeit.

Wie steht es mit den Faktoren Licht, Luft und Sonne, wenn die Tage kürzer werden und die Witterung kühler wird? Der Mensch kapselt sich einfach in ein künstliches Klima ein. Der im Sommer noch geübte abendliche Spaziergang, das Werken im Garten, die Beschäftigung mit dem Sport, ja das Schwätzchen auf der Straße fallen aus. Jede unnötige Berührung mit dem Wetter da draußen wird vermieden. Selbst der Wochenendausflug ins Grüne wird der Jahreszeit geopfert. Dafür wird mehr ins Kino gegangen, wird das Stubenhocken geübt. Wo also bleibt der Aufenthalt an der frischen Luft, den uns als atmenden Wesen das Schicksal zur Pflicht gemacht hat? Wir sind im Winter praktisch abgeschlossen von der Natur, aus der uns Kräfte zur Wiederherstellung verbrauchter Energie zufließen sollen.

Das Defizit in der Bilanz von Energieverbrauch und Kräftegewinn mag für den einzelnen Tag nur unbedeutend sein, aber den Winter, hindurch führt der erhöhte Verschleiß mit Sicherheit dazu, daß der Mensch gerade zu der Zeit, für die er die meisten Abwehrkräfte braucht, relativ wehrlos ist. Daher haben wir viel häufiger Frühjahrsschnupfen und nicht Herbstschnupfen, obgleich doch beide Jahreszeiten mit Schmutzwetter und Infektionsmöglichkeiten sich in nichts nachgeben. Daher gibt es einen deutlicheren Frühjahrsgipfel an Ulkuserkrankungen und Herzkrankheiten, daher sterben in den ersten Frühjahrsmonaten mehr. Menschen, als zu jeder anderen Zeit des Jahres.

Ist es da ein Wunder, daß die Ärzte immer mehr den Winterkuren in den Heilbädern und Luftkurorten, ja, selbst an der Nord- und Ostsee den Vorzug geben? Hat der Sommer die längsten Tage, die hellsten Stunden und die größere Außenwärme für sich, so bietet der Winter die größere Stille, den stärkeren belebenden klimatischen Reiz im Gegensatz zu dem winterlichen Stubenhockerdasein, die intensivere Kurwirkung ohne die Ablenkungen des Sommers, sind die Kurmittel besser eingestimmt auf den Erholung suchenden Menschen. Frei von den Nebenerscheinungen, die die Sommerkuren belasten und gegen die alle Kurärzte oft vergeblich ankämpfen, kann die Winterkur ihre volle Wirkung zur Wiederherstellung der Kräfte entfalten.