Ein erfreulich scharfer – wenn auch unausgesprochener – Protest gegen die Konzeptionslosigkeit unserer bundesrepublikanischen Verkehrspolitik war am vergangenen Freitag aus einer Rede herauszuhören, die Gaston A. de Wolff, Vorstandsmitglied der Adam Opel AG Rüsselsheim, vor einem internationalen Journalistenforum anläßlich einer Presseführung durch das neue Opel-Automobilwerk K 40 und der Fertigstellung des zweimillionsten Opel-Wagens (siehe dazu auch Seite 14) hielt. Obwohl in der Bundesrepublik in den ersten acht Monaten dieses Jahres 26 v.H. mehr Personenwagen produziert wurden als in der gleichen Zeit von 1955 und in diesem Jahr zum ersten Male in der Geschichte des deutschen Automobilbaues die Zahl von einer Million Einheiten wesentlich überschritten werden wird, vertrat Gaston A. de Wolff die durchaus begründete Auffassung, daß dieser Wachstumsprozeß seinen Höhepunkt noch keinesfalls erreicht hat. Er verwies auf die nach wie vor bescheidene Kraftwagendichte in der Bundesrepublik – also das Verhältnis von Einwohnerzahl und Kraftfahrzeugbestand – im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern, wie etwa England, Frankreich, Belgien, Luxemburg und der Schweiz,

Um auch nur den gegenwärtigen Stand dieser durchaus vergleichbaren Länder zu erreichen, wäre eine Verdoppelung des heutigen Personenwagenbestandes Westdeutschlands und Westberlins notwendig. Unter den gegenwärtigen Umständen (Anstieg der Zulassungszahlen und Ersatz von Alt-Fahrzeugen) müßten aber mehr als neun Jahre vergehen, ehe die Bundesrepublik in dieser Hinsicht den heutigen Motorisierungsstand ihrer Nachbarn erreicht haben würde, ganz abgesehen von dem neuen Vorsprung, den diese Länder in der Zwischenzeit gewonnen hätten. Allein schon aus dieser Tatsache folgerte Dir. de Wolff, daß von der akuten Gefahr einer Überexpansion der westdeutschen Automobilindustrie nicht die Rede sein kann.

Energisch verwahrte er sich gegen die angebliche Notwendigkeit einer Einschränkung des Kraftverkehrs im Zusammenhang mit der mangelnden Kapazität des westdeutschen Straßennetzes und der steigenden Zahl der Verkehrsunfälle. Gaston A. de Wolff zitierte sinnigerweise den Bundeswirtschaftsminister (und nicht etwa den an sich „zuständigen“ Verkehrsminister), der zu dieser Folgerung gelegentlich der Frankfurter Automobil-Ausstellung gesagt hatte, daß sie ihm genau so „logisch“ vorkomme, als wenn man etwa die Geburten der Kapazität der Schulen oder die Erkrankungen der Aufnahmefähigkeit der Krankenhäuser anpassen wollte ...

Die einzig vernünftige Konsequenz – und dies wurde mit nicht zu überhörender Deutlichkeit gesagt – ist die, nun endlich den Straßenbau den Notwendigkeiten des Verkehrs anzupassen. Dir. de Wolff stellte dabei in Abrede, daß die für diesen Zweck erforderlichen Mittel etwa „gigantisch“ wären, zumal nicht von einer generellen Überbelastung des westdeutschen Straßennetzes, vielmehr nur von einer Überbeanspruchung der Hauptarterien des Verkehrs gesprochen werden kann. Zur Beseitigung dieser Engpässe wären allerdings koordinierte Maßnahmen aller Straßenbaulastträger die Voraussetzung. Dazu aber hat sich der Bundesverkehrsminister in seiner langen Amtszeit leider nicht aufraffen können.

Der Sprecher forderte verständlicherweise, daß das gesamte Aufkommen aus der Sonderbesteuerung des Kraftverkehrs ungeschmälert dem Bau und dem Unterhalt der Straßen sowie der Verkehrsregelung zugute kommen muß, wie er sich ebenfalls mit Nachdruck für die Beseitigung der längst antiquierten Hubraumsteuer (die nicht nur einen großen Verwaltungsaufwand erzwingt, sondern der technischen Entwicklung außerdem noch eine Zwangsjacke anlegt) und für eine Reform der Bemessungsgrundlagen in der Kraftfahrzeugversicherung sowie für die Einführung von Wettbewerbstarifen an Stelle der Einheitstarife einsetzte. Das so oft gehörte Argument, daß die gesetzlich bedingte Haftpflichtversicherung auch einen Zwangstarif erfordert, ist – wie ausländische Beispiele beweisen – ein Trugschluß. Es ist in der Tat nicht einzusehen, warum der Versicherungsnehmer, der ein schlechtes Wagnis versichert, sich auf Kosten der anderen eine ungerechtfertigte niedrige Prämie verschaffen darf. Willy Wenzke