Von R. Maack

Die Tänzerin und Tanzpädagogin Mary Wigman, Schöpferin des modernen künstlerischen Ausdruckstanzes, wurde am 13. November 70 Jahre alt. 1886 in Hannover geboren, erhielt sie 1946 in Leipzig den Titel eines Professors verliehen und lebt jetzt in Berlin-Dahlem, wo sie in ihrem „Tanzstudio“ junge Tänzer und Tänzerinnen in Kursen ausbildet.

Was an Tanzkunst vor dem ersten Weltkrieg Geltung hatte, war mit einem Schlage belanglos, als Mary Wigman, die Hannoveraner Bürgerstochter, in München mit ihrer ersten Schöpfung antrat: dem „Hexentanz“. Rudolf von Delius sah ihn im Atelier, Hans Brandenburg im Deutschen Museum; beide erkannten sofort: dies ist die größte Tänzerin der Zeit. Ihre Voraussage hat sich erfüllt. Das Lebenswerk dieser Tänzerin trägt das Stigma der Größe; aber es steht einsam inmitten der abendländischen Tanzkunst. Heute, knapp fünfzehn Jahre nach ihrem letzten Auftreten, ist ihre Auswirkung auf die Tanzkunst kaum noch zu spüren. Noch weniger greifbar sind ihre künstlerischen Ursprünge. Sie selbst hat gemeint, daß Eindrücke im Amsterdamer Judenviertel den Anstoß gegeben haben. Die Tänzerin zwang das, was ihr Inneres erregte, in einen klaren Ausdruck. „Ohne Ekstase kein Tanz – ohne Form kein Tanz.“ Dies Wort umreißt das Problem ihres Schaffens.

Mit „Ekstatischen Tänzen“ begann sie nach dem ersten Krieg. Einem Publikum, das an das klassische Ballett und an freundliche Tänze mancher begeisterter und mancher begabter Jungfrauen gewöhnt war, mutete sie drei musiklose Tänze zu: einen „Götzendienst“ nur mit Geräuschbegleitung sowie einen „Tempeltanz“ und ein „Opfer“. Die Wirkung war von Ort zu Ort verschieden. Die Schweiz und Süddeutschland waren angerührt; Berlin, Hannover und Bremen bereiteten ihr Niederlagen; Hamburg und Dresden waren begeistert. Der Hamburger Erfolg gab ihr den Mut, weiterzumachen. Der Dresdener Erfolg führte ein Jahr später zu einem Auftrag der Oper, der sich allerdings zerschlug, und zur Gründung einer Schule.

Werk um Werk entsteht in jenen Jahren. Vom Winter 1919 bis zum Winter 1922 sind es fünfzig Tänze, ein Drittel des Gesamtwerkes an Einzeltänzen. Von Anfang an ist der ganze Umfang der seelischen Stimmungen da: das Nächtige in „Schatten“, „Traum“, „Spuk“ und den „Tänzen des Schweigens“, das Freudige in „Spiel“, „Walzer“, „Allegro con brio“ (nach Dvořák), das Wilde in den „Ungarischen Tänzen“ nach Brahms und in den „Russischen Liedern“, das Verhaltene in der „Suite im alten Stil“, das Kecke in der „Spanischen Suite“, das Dramatische in „Schwertlied“ und „Ruf“, das Getragene in dem Zyklus „Feier“, das Strenge in den „Vier Tanzen nach orientalischen Motiven“.

Das Wunderbare ist, daß sie mit ihrer Kunst die Herzen der Menschen anrührte. Es waren Jahre der Erregung und Aufgeschlossenheit. Die großen Fragen des Daseins wurden neu aufgeworfen; hier war ein schöpferischer Mensch, der sie mitfühlte und um eine Antwort leidenschaftlich rang. Mary Wigman wurde als Sprecherin ihrer Zeit verstanden. Die Herren des Dritten Reiches irrten, wenn sie ihren Tanz „östlich“ oder „expressionistisch“ nannten. Aber man versteht, was sie meinten: die Versenkung ins Innerste und die Kraft des Ausdrucks. Das Urfeuer aus der Tiefe war ihnen verdächtig. Aber erst 1942 verließ sie das Podium, dann ihre Schule. Ihre Gruppe hatte sie schon 1936 auflösen müssen.

Die Arbeit an einer Tanzgruppe war ihr von Anbeginn ein echtes Bedürfnis. Die „Szenen am einem Tanzdrama“ von 1924 enthüllten den inneren Werdegang der tanzenden Gruppe: von der Führerin berufen, beschworen und geformt, wächst sie zum ebenbürtigen Gegenspieler heran und wird schließlich zum willigen Gefolge. „Die Arbeit der Gemeinschaft ist Dienst an der Idee“. Damit deutet Mary Wigman an, wie tief ihre künstlerische Arbeit ans Ethische gebunden ist. Dem „Tanzmärchen“ von 1925, einem gelockerten Spiel, folgten 1926 die strengen „Raumgesänge“, in denen die Gruppe in Reihe oder Block gebannt wird, und 1927 das krönende Werk der ersten Gruppe: die „Feier“. Die neue Lockerung der Form, die Mary Wigman damals in ihren Einzeltänzen gefunden hatte, der offene, vielgestaltige Stil, der von der Dämonie des „Hexentanzes“ und der Raserei der „Monotonie“ bis zu der zarten Innigkeit der „Spanischen Suite“ reichte, kam auch der Gruppenarbeit zugute. Erregung und Ruhe, Fülle und Form waren nun ausgewogen. Ein langer, lautloser Einzeltanz der Wigman zwischen den Gefallenen löste tragische Erschütterung aus.