Die Klee-Ausstellung vor bald Zweijahresfrist in in St. Gallen, Schweiz, war die erste, die ein neues Ordnungsprinzip des vielschichtigen Werkes eingeführt hat: die Bilder waren nach Gruppen gesichtet, so daß der Betrachter schon gelenkt und kunsthistorisch unterrichtet wurde, als hätte er den auseinandergelegten Bildkatalog zu einem Werk über Klee vor Augen. Das Berner Kunstmuseum hat in seiner Klee-Ausstellung, die auch nach Hamburg (Kunstverein vom 2. 12. bis 27. 1. 1957) kommen wird, das St.-Gallen-Prinzip eher noch übertroffen. Die Berner Ausstellung – die Hamburger soll noch reichhaltiger werden – gewinnt durch die Mitarbeit der Paul-Klee-Stiftung an Gewicht, in der Felix Klee und ein so ausgezeichnete Sachkenner wie Carola-Giedon-Welcker, Zürich, vertraten sind. Sie umfaßt allein 194 Gemälde und farbige Blätter aus den 351 Stücken, die von der Paul-Klee-Stiftung zur Verfügung gestellt wurden.

Die weiträumige, gutbelichtete Hängetechnik wurde durch die sachliche und formale Gliederung des Werkes glücklich unterstützt, so daß die Berner Ausstellung geradezu als ein Muster für die innere Ordnung eines so komplexen Werkes angesehen werden kann. Inzwischen ist ja, dank der geistesgeschichtlichen Deutung Klees durch Werner Haftmann und der Monographie Will Grohmanns, das Gesamtwerk deutlicher entschlüsselt, was, wie Bern und St. Gallen zeigen, auch der Ausstellungstechnik zugute kommt, und bei einer Autorität wie Direktor Hentzen (Hamburger Kunsthalle) sich auch für Hamburg positiv auswirken muß. Die subtilen stifter-artigen Anfänge dieses Malers enden mit den monumentalen Zeichen des Altersstils, und die Variation linearer undfarblicher Kompositionen und Fazetten, die dazwischen liegt, die oft so ironische Graphik, die Metaphysik der Dingsprache – das alles wächst zu einer Wegstrecke abendländischer Malerei überhaupt zusammen.

Während Leonardo in die europäische Moderne hineindenkt, weist Klee aus unserem subjektivistischen Abendland hinaus nach Asien, wo sich ältere Menschheitserfahrungen erhalten haben, freilich nur, soweit es sich um die geistige Grundhaltung dreht. Die Mittel sind absolut abendländisch und machen eine so großartige Einsicht wie die von Theodor Hetzer auf eine fast mystische Weise exemplarisch sichtbar, daß nämlich unsere abendländische Malerei seit Giotto mit dem Rätsel der Geometrie eng verwachsen ist. Oft will es scheinen, als seien die Formvarianten Klees, die gerade dank der Berner Hängetechnik in all ihren Bezügen zu verfolgen sind, Ausbrüche aus dem Gefängnis unserer abendländischen Mathematik und Geometrie, die ja auf dem Feld der Malerei in der Perspektive, dem „Guckkasten“ der Bildkomposition gipfelt. Aber Ausbrüche wohin? Es ist nicht zufällig, daß man immer wieder zu den in Bern reich vertretenen letzten Bildern zurückkehrt (aus dem Jahre 1940), die, ob Pastell, Kleisterfarbe oder Tempera und Öl (Bilder von 1939) sich wie die Schrift von etwas Künftigem lesen, das wir aber heute noch nicht entziffern können. Das erinnert mich an den Ausspruch von Benn bei meinem letzten Besuch: er fühlte immer mehr, daß er für das, was er sagen wolle, nicht die entsprechenden Worte habe, und das heißt, die innere Erfahrung überschreitet die heute bestehenden Möglichkeiten der Aussage. Nicht so in der Zeichensprache Klees, wo am Ende die (oft so zufälligen) Titel fehlen. Was haftet, sind die überdimensionalen Geheimzeichen, die das Lebenswerk Klees unter das Gericht einer mystischen Schau in unbekannte Regionen stellt.

In die Berner Ausstellung sind auch die Hinterglasmalereien, selbst die wenigen Skulpturen Klees (vollständig), die sich als spielerisches Kuriosum ins Werk fügen, Skizzenbücher und Graphik aufgenommen, letztere im Gesamtverhältnis aus Raumgründen schwächer. Obwohl jedes Einzelwerk unverkennbar die Handschrift Klees trägt (trotz der unzähligen Querverbindungen zur „abstrakten oder ungegenständlichen Malerei), fragt man sich, worin ihr Gemeinsames zu suchen ist. Gewiß nicht in dem, was man abstrakt oder ungegenständlich nennt. Daß wir es noch nicht ins Wort bringen können, spricht für die zukunftsweisende Offenheit dieses einzigartigen Phänomens, das vielleicht – mehr als wir ahnen – mit dem verborgenen Wesen der Technik, die unsere Gegenwart bestimmt, zu tun hat. Egon Vietta