Die Schiffahrt durch den Suezkanal, um derentwillen die Suezkrise entbrannte, ist durch den Suezkrieg zum Erliegen gekommen, an etwa zwanzig Stellen ist der Kanal durch versenkte oder auf Grund geratene Schiffe und gesprengte Brücken blockiert. Nach optimistischen Schätzungen wird der Kanal in frühestens sechs Wochen, nach vorsichtigen nicht vor Mitte Januar 1957 wieder befahrbar sein. Bis dahin müssen viele Schiffe, die bisher durch den Kanal fuhren, die Route um das Kap der Guten Hoffnung benutzen und in südafrikanischen Häfen Proviant, Trinkwasser und Treibstoff aufnehmen. Es ist oft behauptet worden, diese Häfen seien einer solchen zusätzlichen Beanspruchung nicht gewachsen und es würden unweigerlich Verstopfungen und große Verzögerungen auftreten. Unser C. D.-Korrespondent in Johannesburg schildert hier die Lage und die Probleme nach der Stillegung des Suezkanals so, wie man sie an Ort und Stelle beurteilt.

C. D. Johannesburg, im November

Die Union von Südafrika hat sich in der Suezkrise von Anfang an sehr zurückgehalten. Sie betrachtet sich nicht als „Benutzer-Nation“ des Suezkanals, weil nur ein sehr geringer Teil ihrer Schiffe die Suezroute wählt. Sie hat weder an der ersten noch an der zweiten Londoner Suezkonferenz teilgenommen und bewahrt auch jetzt im Nahost-Konflikt eine vollkommen neutrale Haltung. Bei den Abstimmungen in der UNO-Generalversammlung über die Schaffung einer internationalen Polizeitruppe und über die Aufforderung an England, Frankreich und Israel, ihre Truppen aus Ägypten zurückzuziehen, enthielt sie sich der Stimme.

In einer Erklärung des südafrikanischen Außenministers Louw heißt es: „Die Tatsache, daß die Interessen der Südafrikanischen Union durch die Nationalisierung (des Suezkanals) nicht direkt betroffen sind, wird überall zugegeben und verstanden. Diese Tatsache kam auch darin zum Ausdruck, daß Südafrika und andere Länder, darunter Kanada, nicht zur Teilnahme an der 18-Nationen-Konferenz (erste Londoner Suez-Konferenz) aufgefordert wurden. Unter diesen Umständen fühlt sich die Unionsregierung in die gegenwärtigen Feindseligkeiten nicht verstrickt, doch hat sie das allerstärkste Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens im Mittleren Osten und will noch einmal ihrer Hoffnung Nachdruck verleihen, daß es gelingen möge, die Feindseligkeiten zu begrenzen und zu lokalisieren.“ Abschließend heißt es dann: „Die Hafenverwaltung wird auch weiterhin den Schiffen, die jetzt gezwungen sind, die Route um das Kap der Guten Hoffnung zu benutzen, allen Beistand und alle Hilfeleistungen gewähren

Diese Haltung der südafrikanischen Regierung hat, so einleuchtend sie ist, nicht überall ein gutes Echo gefunden. Carlos P. Romulo, philippinischer Gesandter in Washington, hat schon auf der ersten Sueztagung des Weltsicherheitsrates erklärt, die Umleitung des Schiffsverkehrs um die Südspitze Afrikas werde eine zusätzliche Krise für den Westen heraufbeschwören. Denn Millionen von Asiaten und Afrikanern würden sich dagegen auflehnen, daß die „Erzadvokaten rassischen Hochmuts“ am Kap der Guten Hoffnung zu materiellen Nutznießern der Suezkrise würden.

Die amtierenden Minister der Südafrikanischen Union sehen die Dinge anders. Der Außenminister, der Verteidigungsminister und der Innenminister, jeder hat auf seinem Gebiet in öffentlichen Reden der letzten Wochen darauf hingewiesen, daß in diesem Augenblick der internationalen Welt ad oculos demonstriert werde, ein wie großes Verdienst sich die nationale Regierung Südafrikas gegenüber der Gemeinschaft der seefahrenden Nationen erworben habe. Wäre es ihr nämlich nicht gelungen, Südafrika als Bastion westlicher Interessen auf dem afrikanischen Kontinent zu erhalten, dann käme heute als Alternative zum Suezkanal nicht einmal mehr die Umleitung des Schiffsverkehrs in Frage. Dann würden afrikanische Parteigänger Abd el Nassers hohnlachend am Kap der Guten Hoffnung stehen und den umgeleiteten Kapitänen zurufen: „Hier nix Öl und Kohle und nix Lebensmittel!“

Leider haben beide recht, Carlos Romulo wie auch die südafrikanischen Minister. In diesem Dilemma ist es ein Trost, daß wenigstens für die Schiffseigner einerseits und die südafrikanischen Wirtschaftler andererseits das Problem der Umleitung jeglicher ideologischen Dramatik entbehrt und zu einer nüchternen Frage von technischen und kaufmännischen Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten wird.