E. C., Warschau, im November

Die Panzer sind in Polen nie weit weg. Zwar ruhen sie jetzt wieder auf ihren Stammplätzen, wenn sie nicht durch die Korridore zwischen Polen und der Sowjetzone rasseln. Vor drei Wochen aber sah man sie überall im Lande als Zeichen der Macht Moskaus. Dann aber eines Tages, so als hätten sie es sich anders überlegt, kehrten sie um und wälzten sich zurück in ihre Höhlen.

Alle Augenblick hört man das Gerücht, die Panzer seien wieder im Rollen. Man flüstert sich zu, daß ein Wald, zwanzig Kilometer vor Warschau, vollgestopft sei mit ihnen; später stellte sich dann heraus, daß es in diesem Wald keinen einzigen Panzer gibt. So geht das täglich. Man fühlt sich zurückversetzt in die Zeit der Märchen, die von den grausamen Drachen berichten. Es muß ein ähnliches Gefühl gewesen sein, im allgegenwärtigen Schatten jener märchenhaften Ungeheuer zu leben, die sich zu jeder Stunde von ihrem Lager erheben konnten, um sich durch das Land zu wälzen und alles niederzumachen: Menschen, Häuser und Felder.

Es ist unheimlich, solche Gefühle im 20. Jahrhundert und in einer großen europäischen Stadt haben zu müssen. Sie führen denn auch nicht zu klaren Vorstellungen über Motive und Absichten der Sowjets. Deshalb sollten Beobachter in entlegeneren, glücklicheren Ländern nicht vergessen, daß es in Warschau sehr schwer ist, hinter den russischen Panzern das eigentliche Rußland zu sehen. So schwer es jedoch ist – unmöglich ist es nicht.

Unter dem ersten Schock der Budapester Ereignisse konnte es scheinen, als seien die Sowjets jederzeit zu allem fähig. Nachdem sie in einem Teil ihres Machtbereiches alle Bemühungen, Vernunft und Mäßigung wiederherzustellen, vernichtet hatten, lag der Gedanke nahe, daß nichts sie hindern könnte, an jeder anderen beliebigen Stelle auch wieder zuzuschlagen. Polen hätte das nächste Opfer sein können.

Aber während sich der Rauch über Budapest lichtet, scheint es immer mehr, als habe sich die grundsätzliche Einstellung der sowjetischen Politik in Osteuropa nicht wesentlich geändert, wenn auch der new look in Zukunft mit größerer Vorsicht angewandt werden wird. Die Ansprache Suslows zum Jahrestag der Oktoberrevolution bestätigt den Eindruck, daß Budapest nicht das Zeichen für ein radikales Zurückgreifen auf die Methoden totaler Unterdrückung war. Budapest wird in Moskau eher als eine isolierte Aktion zur Bereinigung eines Einzelfalles angesehen.

Viele Polen, die sich schämen, weil sie nichts tun konnten, um den Ungarn zu helfen, atmeten erleichtert auf, als sie lasen, mit welchen Argumenten Suslow die Aktion gegen die ungarischen Aufständischen begründete. Suslow hatte gesagt, die sowjetischen Truppen hätten durch die drastische Niederwerfung der ungarischen „Konterrevolu- – tion“ Osteuropa für den Sozialismus gerettet und es damit jedem Lande möglich gemacht, ungestört am Aufbau seiner eigenen sozialistischen Gesellschaft weiterzuarbeiten.