RH-Hamburg

Kürzlich bekamen zahlreiche Bewohner Hamburgs, „das als Umschlagplatz für hochqualifizierte Delikatessen den bestgeeigneten Sitz darstellt“, mit der Post einen Prospekt zugesandt.

Die an dem laut Prospekt bestgeeigneten Sitz Seßhaften lasen: „Kaviar für alle Tage – weil man für seinen Körper täglich etwas Besonderes tun sollte. Zu allen Zeiten begehrten die führenden, geistig tätigen Oberschichten nach den leicht verdaulichen, hochintensiven Nahrungsmitteln – den Delikatessen! Nicht aus Snobismus oder Geltungsbedürfnis verlangt der schöpferisch tätige Mensch zusätzliche Genußmittel, sondern instinktiv wählt er richtig die für seine konzentrierte Nerven- und Geistbelastung notwendige Nahrung.“

Wie hat man wohl – so fragt sich mancher Empfänger erfreut – herausgefunden, daß ich zur führenden, geistig tätigen Oberschicht gehöre? Welches der anpreisenden Firma erkennbare Anzeichen hat es verraten? Ernüchternd wäre es freilich, wenn man es einfach daran „erkannt“ hätte, daß ich ein Telephon besitze ...

Bei weiterem Nachsinnen kam dem Empfänger der kulinarischen Anpreisung in den Sinn, man könnte herausgefunden haben, er – verdiene viel Geld. Jedoch – wie die Verhältnisse nun einmal sind – würde man ja mit diesem Verfahren nur einen kleinen Teil der schöpferisch tätigen Menschen erfassen, auf die es hier offenbar ankam. Man mußte sich eines anderen Ausleseverfahrens bedient haben; man hatte wohl an den Berufen die „geistige Oberschicht“ erkannt.

Besonders einem Schriftsteller, dem die Offerte geschickt worden war, schien diese Lösung plausibel. Sie erkläre auch, so meinte er, warum als „Kaviar für alle Tage“, den „schöpferisch tätigen Oberschichten“ lediglich die billigere Art angepriesen wurde, von der die Originaldose nur 213 Mark, das Pfund nur 60 Mark kostet. Den Leuten, deren Beruf es erfordert, daß sie alle Tage Kaviar essen, bietet man Sevruga-Malossol, Preis-Kaviar oder – last and least – Keta-Kaviar an. Zu der letzteren Sorte sei bemerkt: sie ist so entsetzlich billig (Pfund 13 Mark), daß nur ganz schwer zu lesende Autoren, sehr moderne Maler oder Lyriker darauf angewiesen sein können sie zu sich zu nehmen. Auch der Koch der am Rande des Geistigen florierenden Kunst des Fernsehens empfiehlt (wie der Prospekt verrät) für seine „Wolga-Schnittchen“ diese niedrige Sorte.

Der „kultivierten Tafel“ hingegen, die nicht für alle Tage gedeckt ist, bietet man andere Sorten an, das Pfund zu 100 bis hinab zu 85 Mark. „Sie stehen geschmacklich den Spitzenqualitäten sehr nahe, weisen indes nicht den gleichen Seltenheitswert auf.“