Berufspädagogen und Betriebsdirektoren, die sich in der vergangenen Woche in Wiesbaden auf Einladung des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) zu einer Berufsausbildungstagung zusammengefunden hatten, einigten sich bezüglich der Frage Arbeitszeitverkürzung und Lehrlingsausbildung auf folgende Formel: „Wenn die Arbeitszeit in den Betrieben verkürzt wird, darf die Lehrzeit nicht ebenfalls verkürzt werden; sie muß gleich bleiben; wir fordern auch nicht, daß sie verlängert wird.“ Dir. Franz O. Disch (Hamburg), Vorsitzender des Berufsausbildungsausschusses beim DIHT, kommentierte jene Formel so: „Die Lehrzeit muß in Stunden, nicht in Jahren ausgedrückt werden. Wir wissen, daß die Forderung, die Lehre zu verlängern, unpopulär ist. Aber versuchen Sie einmal, die Unterrichtsstunden an einer Ingenieurschule oder an irgendeiner anderen Schule zu kürzen. Man würde das mit Empörung zurückweisen. Warum sollen nun die Ausbildungsstunden des Lehrlings gekürzt werden?“

Der Sinn der Sache bleibt dunkel, und die Frage, ob es dem DIHT wirklich Ernst ist mit der Forderung, die Lehrzeit zu verlängern und doch nicht zu verlängern, kann nur geklärt werden, wenn man Bleistift und Papier zur Hand nimmt: Bei einer Arbeitszeit von wöchentlich 48 Stunden und bei einem jährlichen Arbeitsausfall von vier Wochen (Urlaub usw.) verbringt ein Lehrling in den drei Jahren seiner Ausbildung zusammen 6912 Stunden in Betrieb und Schule. Das ist die Stundenzahl, die ihm die Experten des Industrie- und Handelstages erhalten wollen. Wird die Arbeitszeit auf 45 Wochenstunden verkürzt, so muß die Lehrzeit, wenn 6912 Stunden erreicht werden sollen, genau drei Jahre, neun Wochen und drei Tage betragen. Wird die 40-Stunden-Woche eingeführt, so müßte der Lehrling drei Jahre, 28 Wochen und vier Tage lang ausgebildet werden. Fällt ein Schaltjahr in die Lehrzeit, so muß deren Ende mit Rechenschieber oder Logarithmentafel ausgerechnet werden...

Man hat den Eindruck, daß die auf der Wiesbadener Tagung erhobene Forderung doch nicht ganz wörtlich zu nehmen ist. Aber der Wunsch, die Lehrzeit auf genau dreieinviertel oder (im Falle der 40-Stunden-Woche) auf dreieinhalb Jahre zu erhöhen, soll eben nicht laut werden, weil er unpopulär ist...

Darüber kann indessen kein Zweifel sein, daß dieser Wunsch aus ernster Sorge erwachsen ist. Die Pädagogen sind sich darüber einig, daß der menschliche Reifungsprozeß nicht rationalisiert werden kann, daß technische Fortschritte zwar gleiche oder sogar vermehrte Produktion bei verkürzter Arbeitszeit, aber nicht etwa gleiche oder sogar vermehrte Leistungen der Lehrlinge herbeizaubern können. Die Berufsausbildung kann man nicht forcieren, rationalisieren, reduzieren, komprimieren oder intensivieren. Gerade die Jugend unserer Zeit verträgt solche Experimente nicht. Ihre physische Früh- und psychische Spätreife ist ein Alarmzeichen. Sie drängt ohnehin – um möglichst rasch möglichst viel Geld zu verdienen – zum Spezialwissen, wobei die Allgemeinbildung, ja selbst die primitivsten Bildungsgrundlagen, wie Schreiben und Lesen, vernachlässigt werden. Soll sie in einem immer weiter technisierten und rationalisierten Betrieb noch weiter zur Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit verführt werden? Es ist ein Trugschluß, daß mit modernen Ausbildungshilfen, mit Film und Tonband etwa, das Lernen beschleunigt werden könne. Es kann verbessert und dem ständigen Fortschritt der Technik angepaßt werden, aber Auffassen und Einüben, Erfahren, Erleben, eigene Fehler erkennen – das alles läßt sich nicht beschleunigen.

Prof. Dr. Hengstenberg von der Bonner Akademie für Pädagogik, der das Hauptreferat der DIHT-Tagung hielt, zeichnete den philosophischen und psychologischen Hintergrund für diese Tatsachen: unsere Ruhelosigkeit, die Neurose unserer Zeit, kommt aus der Spannung zwischen der Unfreiheit (des Arbeitnehmers) in der Produktion und der unbeschränkten Freiheit im Konsum, dem hektischen Konsum aus Geltungsbedürfnis, mit dem jene Unfreiheit in der Produktion kompensiert wird. Es wird schwer sein, das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen. Eines ist dabei sicher: Das menschliche Gehirn ist anscheinend der Rationalisierung unzugänglich. Das ist auch für die Wirtschaft von Bedeutung. Heinrich David