Das Handwerk werde sich „mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln“ gegen ein Gesetz wehren, das eine Fortzahlung des Lohnes im Krankheitsfall durch den Arbeitgeber an alle Arbeitnehmer bis zu 6 Wochen bringen würde – so erklärte ein Präsidialmitglied des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks vor Pressevertretern in Bonn. Äußerungen dieser Art werden im allgemeinen nicht schwer genommen; in diesem Falle aber lohnt es sehr, sich mit dem Anlaß zu dieser emphatischen Äußerung zu befassen. Denn der Gesetzentwurf, den die SPD-Fraktion im Bundestag eingebracht hat, ist ein Glied in einer Kette von Vorgängen, die nach der wirtschaftlichen und soziologischen Seite hin von schwerwiegender Bedeutung sind. Die Auswirkung einer Fortzahlung des Lohnes an Arbeiter bis zu 6 Wochen würde in der Tat handwerkliche Betriebe – präziser gesagt: Kleinbetriebe aller Art – schwerer treffen, als Betriebe mit einer größeren Zahl von Arbeitern.

Wenn in einem Gewerbebetrieb von 20 oder 50 Mann einer länger als wenige Tage krank ist, braucht dies auf die Produktion keinen Einfluß zu haben. Im Kleinbetrieb von 3 bis 4 Mann fällt ein wesentlicher Teil der Betriebsleistung aus. Ein solcher Kleinbetrieb braucht viel dringender einen Ersatz für die ausfallende Arbeitskraft als ein Betrieb mittlerer Größe. Ihn trifft auch die finanzielle Belastung durch die Fortzahlung des Lohnes relativ viel stärker als Mittel- oder gar Großbetriebe, weil der Anteil des einzelnen Arbeiters an der Gesamtlohnsumme so viel höher ist als in den anderen Betrieben. Da es nicht übersehbar ist, ob und wie hoch solche Belastung eintreten könnte, wäre dies Risiko kalkulatorisch nur durch eine gegriffene Erhöhung des Unkostenzuschlages abzufangen.

Zur gleichen Stunde wandte sich das Handwerk gegen den Vorschlag des Bundesarbeitsministeriums, im Rahmen des Jugendarbeitsschutzes die Beschäftigung der Jugendlichen auf 84 Stunden in der Doppelwoche zu beschränken. Nur nebenbei wollen wir bemerken, daß fast 70 v. H. der gewerblichen Ausbildungsverhältnisse (Handwerk und Industrie zusammen) auf das Handwerk entfallen, die Lehrlingsausbildung im Handwerk also auch den künftigen Leistungsstand der industriellen Facharbeiter weitgehend mitbestimmt. Im mittleren oder gar großen Industriebetrieb ist der Lehrling – sofern er nicht überhaupt außerhalb der laufenden Produktion in besonderen Lehrwerkstätten ausgebildet wird – ein kleines von vielen großen Rädchen. Im Kleinbetrieb ist er ein nicht unwesentlicher Faktor im Ablauf der täglichen Leistung. Damit wollen wir sagen: ein Fehlen des Lehrlings macht sich im Kleinbetrieb wesentlich stärker fühlbar als in größeren Betrieben.

Ein weiteres Problem: Die Welle der Arbeitszeitverkürzung scheint noch schneller über die gesamte deutsche Wirtschaft hinwegzugehen, als noch vor wenigen Monaten anzunehmen war. Je schneller sie sich fortwälzt, je größer der Sprung ist, um so größer wird die Kluft zwischen Groß- und Mittelbetrieben (die der Rationalisierung des Produktionsvorgangs meist leichter zugänglich ist) und den Kleinbetrieben, zumal wenn diese nicht nur ein Gut produzieren, sondern handwerkliche Sonderleistungen oder gar Reparaturleistungen vollbringen. Das Produktions- und Leistungsvolumen der Kleinbetriebe wird durch eine Arbeitszeitverkürzung stärker betroffen als das größerer Betriebe. Unsere sozialpolitische Entwicklung wird entscheidend von einer Politik der Gewerkschaften bestimmt, die sich Struktur und Möglichkeiten von Großbetrieben zum Maßstab nimmt. Denn im großen und ganzen können diese die Belastung aus der Lohn-, der Arbeitszeit- und der sonstigen Sozialpolitik etwas leichter ausgleichen als gerade die typischen Kleinbetriebe. Nicht nur das Handwerk, sondern alle Arten von Kleinbetrieben werden durch diese Politik relativ stärker betroffen, gleichgültig, ob es sich um den kleinen Einzelhandel, um die kleinen Fuhrunternehmer, um die Kleinbauern oder was immer handelt. Denn sie alle müssen dieser Gewerkschaftspolitik folgen, besonders in einer Zeit der Vollbeschäftigung. Sonst können sie die qualifizierten Arbeitskräfte nicht halten und ihr Leistungsstand würde noch schneller sinken. Sie können ihren Arbeitern keinen wesentlich minderen sozialen Standard gewähren, als er in den größeren Industriebetrieben von den Gewerkschaften durchgesetzt wird. Infolge der geringeren Möglichkeiten der Kleinbetriebe zum Ausgleich dieser Belastungen wird diese typische Mittelstandsschicht auf einen tieferen Stand gedrückt. Soweit sie sich technisch nicht mit „Rationalisierung“ helfen kann – und diese Möglichkeiten sind begrenzt –, werden die Familienangehörigen helfen müssen, die Last mit zu tragen. Die Gewerkschaftspolitik wirft also in großer Breite ein nicht nur wirtschaftliches, sondern auch soziologisches Mittelstandsproblem auf. Darum sollte sich aber auch die Regierung bei ihren Vorschlägen der unterschiedlichen Tragbarkeit für die verschiedenen Betriebsgrößen bewußt sein. F. Lemmer