Alle, die ihm wohlwollen, hoffen, daß das Bewußtsein, eine Mission zu erfüllen, über seine persönliche Vorliebe für das Wirken in anonymer Zurückgezogenheit obsiegen wird“, schrieb der Observer im April 1953, als Dag Hammarskjöld zum Generalsekretär der UNO gewählt wurde. Vorher hatten die Großmächte fünf Monate vergeblich nach einem geeigneten Kandidaten gesucht. Es waren die Franzosen, die Hammarskjöld vorschlugen, und die Engländer, die seine Kandidatur am wärmsten unterstützten. Nicht weil sie in seiner Brust das „Bewußtsein einer Mission“ vermuteten, sondern im Gegenteil, weil sie dem intelligenten, liebenswürdigen Schweden keine Ausflüge ins Reich weltverbessernder Ideen und eigener politischer Initiative zutrauten.

Was Hammarskjöld als Kandidat für das höchste UNO-Amt empfahl, war sein Ruf als „Mann der Mitte“. Er hatte nie irgendwo angeeckt, weder bei den Westmächten noch bei den Russen: ein idealer „Kompromißkandidat“. Niemand glaubte ferner, er könne den Ehrgeiz haben, aus der UNO mehr zu machen, als sie war: ein universaler Klub – kein Überstaat! Hätten Franzosen und Engländer Hammarskjöld vorgeschlagen und gewählt, wenn sie geahnt hätten, daß er dreieinhalb Jahre später ihre Truppen mit Hilfe einer UNO-Polizeitruppe aus Ägypten hinauskomplimentieren würde? – Wohl schwerlich.

Aber nicht nur die Engländer haben sich in Hammarskjöld getäuscht. Auch seine Landsleute hätten nie gedacht, daß er so aus der Rolle des perfekten Funktionärs herausfallen – und so über sich hinauswachsen würde, wie in den kritischsten Tagen der Ägypten- und Ungarn-Krise. Bevor Hammarskjöld der UNO den Weg zeigte, der ihm der richtige schien, bot er seinen Rücktritt an, um – ganz wie der Chef einer Regierung – zunächst einmal festzustellen, ob er noch das „Vertrauen des Hauses“ habe. Man bat ihn dringend zu bleiben, ein Beweis dafür, ein wie großes moralisches Kapital sich Hammarskjöld im Laufe seiner dreieinhalbjährigen UNO-Tätigkeit erworben hat.

Wie das Experiment der UNO-Polizei auch ausgehen mag, der Vorschlag allein verrät Eigenschaften (Initiative und Mut zu eigener Verantwortung), die das bisher bekannte Charakterbild Hammarskjölds auf das erfreulichste ergänzen. Hammarskjöld war nie Politiker, sondern stets Diener der Politik gewesen: ein idealer zweiter Mann, ein tüchtiger, loyaler und bequemer Untergebener. Diesen Eigenschaften verdankt er seine raketengleiche Laufbahn: Mit 27 Jahren im Besitz von drei Doktorhüten (Philosophie, Jurisprudenz, Nationalökonomie). Mit 31 Jahren Staatssekretär im schwedischen Finanzministerium, mit 36 Vorsitzer des Verwaltungsrats der schwedischen Nationalbank, mit 41 Finanzexperte im Außenministerium und mit 46 Jahren stellvertretender Außenminister. Mit 48 Jahren Generalsekretär der UNO.

Lange hatte der junge Hammerskjöld geschwankt, ob er in den Staatsdienst treten oder seiner Neigung zur Schriftstellerei folgen sollte. Er hat schon in seinen Studienjahren Essays geschrieben, die von Kennern sehr gelobt werden. Von seiner Lieblingsbeschäftigung, den Touren und Ausflügen in die nordschwedischen Berge, zeugen eine Reihe lyrischer Impressionen: „Ein Habicht hängt in der Luft über dem anderen Ufer. In einer Bucht ruft ein Seevogel ... kleine Wellen schlagen ab und zu mit leisem metallischem Klingen gegen die Steine am Strand...“

Das ist ein ganz anderer Hammarskjöld, als der Diplomat und Beamte, der lieber eine Banalität als eine „Wertung“ von sich gibt, lieber eine leere Floskel als ein Wort zuviel. Hammarskjöld ist noch keinem Journalisten die Antwort schuldig geblieben, aber bisweilen sehen seine Antworten folgendermaßen aus: „In allen Fällen von größeren Mächten, die nicht Mitglieder der UNO sind, kommen aus historischen oder politischen Gründen besondere Erwägungen ins Spiel. Solche besonderen Erwägungen ergeben sich auch im Hinblick auf Deutschland. Aber ich würde nicht sagen, daß Deutschland einen Sonderfall darstellt – Diesen, den floskelschmiedenden Hammarskjöld, kannte man in seinem Heimatland ebensogut wie den Naturlyriker Hammarskjöld; aber der Hammarskjöld mit dem Ehrgeiz, der UNO „Zähne“ zu geben, war auch für seine Freunde eine Überraschung. Seinem Vater, Schwedens energischem Premierminister der Kriegsjahre 1914 bis 1917, Hjalmar Hammarskjöld, hätte man solche Anwandlungen von „Machtpolitik“ schon zugetraut, genauso wie seinem hochbegabten früh verstorbenen Bruder Aake, der zuletzt Richter am Internationalen Schiedsgericht in Den Haag war, die Leidenschaft für ein über den Staaten stehendes Recht. Aber daß Dag auf beides zusteuern würde: überstaatliches Recht und überstaatliche Macht – das hätte niemand gedacht.

Dem jüngsten Sohn des alten Hammarskjöld schien politischer Ehrgeiz (im eigentlichen-Sinne des Wortes) zu fehlen. Er trat nie einer Partei bei und diente den Regierungen, wie sie kamen. Daß es sozialdemokratische Regierungen waren, störte den Sproß einer stockkonservativen adligen Familie nicht im geringsten. Doch die Stunde kam, die aus Dag einen Politiker machte. Auf seinen Vorschlag beantragte Kanadas Außenminister Lester Pearson, eine UNO-Polizeitruppe aufzustellen.